Archive für Juli 2009

Das 24-köpfige Kind

(1973 machte ich die ersten Schritte auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“, ich begann Theater zu spielen. Genau genommen waren es nicht die allerersten Schritte. Als Kind durfte ich in einem Krippenspiel mit einem umgehängten gemalten Schwein als Schwein an diesem für einige Minuten teilhaben. Es gab zu viele Kinder in der Klasse, die mit Rollen versehen werden mussten, deshalb ein Schwein in einem Krippenspiel. Ich meine, dass ich diese Rolle für mich sogar selbst vorgeschlagen hatte, und dass ich sogar einen kurzen Text hatte.

Damals, also jetzt wieder 1973, begannen wir an der damaligen Jungen Bühne in Frankfurt am Main mit den Proben zu „Der tausendjährige Krieg“ von Fernando Arrabal. Wir brauchten neun Monate bis zur Premiere. Während dieser Zeit lernte ich Maxime, nur „Max“ genannt, kennen. Bei, soweit ich mich erinnere, meist französischem Rotwein (Max war Franzose) saßen wir oft abends in seiner Wohnung, die auch Werkstatt war (oder eher eine Werkstatt, die auch Wohnung war) und hatten die Idee, diese Zeit in einer Art Fabel zu dokumentieren, die ich vor einigen Tagen wieder gefunden hatte und nun hier veröffentliche.

Die Geschichte wurde zwar in die neue Rechtschreibung und damit in eine ganz andere Zeit überführt, aber den „Interzonenzug“ wollte ich doch einfach so stehen lassen.

Einzig den Namen des Regisseurs möchte ich offen legen (der des einen Verfassers ist ja bekannt) und ihm meinen Dank für diese Erfahrung aussprechen, die mein Leben grundlegend verändert hat, auch wenn er ihn selber nicht mehr lesen kann, da er vor einigen Jahren verstorben ist: Werner Andreas!)

Das 24-köpfige Kind

Die auftretenden Tiere:
Werner, der Elefant, später auch Noah
Buschko, der Rotfuchs
Uli, der musizierende Esel
Susanne und Juliane, die Schwestern Ringel- und Turteltaube
Fritz, der Kondor
Lili, die goldene Antilope
Ansgar, der Dachs
Hans-Jörg, der Wasserbüffel
Ruth, die lustige, bunte Fledermaus
Monika, das Eichhörnchen
Conny, die ausgeflippte Schwalbe
Brigitte, die einsame Siamkatze
Helga, das boxende Känguru
Jojo, der besoffene Schakal
Elli, das Reh
Regina, das Pony
Jürgen, das Schnabeltier
Margit, der grüne Flamingo
Faust, der Dackel
Hans, der Elch
Michael, der Bieber, auch Maschinist und Heizer
Max, das brünstige Nashorn
Ron, die ozeanische Schildkröte

Ja, Werner war schon eifersüchtig auf diese Frau, die er hier im Berliner Forum-Theater sah. Diese Frau soll traumhaft schön, fantastisch und zugleich grausam und hart sein, so hörte er schon in Frankfurt, und alles erfüllte sich in dem Moment, als er sie sah. Werner verspürte die Stimmung im Publikum. Aus Angst, er könne den Applaus nicht ertragen, schlich er sich schon vor Ende des Stücks wie ein verliebter Junge mit Tränen in den Augen hinter die Kulissen. Er betrachtete das Mädchen von hinten, von vorne, von allen Seiten. Jetzt, so wusste er, wird sie sich für mich verwirklichen können. „Ja“, das gab er einmal offen zu, „ich war besoffen, aber geliebt habe ich sie gleich.“

Und das ist er: ein Mann, ein Regisseur. Jetzt, sofort und hier wollte er mit ihr schlafen. Er kam, auf seine Art, in der rechten Hand eine Flasche Whisky, in der linken seinen … „Was willst du von mir?“ „Trinkst dun einen Whisky mit?“ fragte er zurück und schüttelte dabei seine linke Hand. „Du bist ja ein süßer Elefant. Wo hast du denn den schönen Rüssel her?“ meinte sie amüsiert.

Da fing der Elefant zu erzählen an, wie er es immer tat, stundenlang, über Frankfurt, über Theater, über sich, über alles, was sein könnte, was war, was ist, was sein wird. Noch während das Publikum zum Ende der Aufführung applaudierte, schliefen sie zusammen hinter den Kulissen, und für Werner war der Applaus wie ein Ansporn.

Am Morgen: die Flasche, der Rüssel, das Bett – alles war leer!

„Achtung, Achtung! Der Interzonenzug Berlin–Frankfurt, der mit einer halben Stunde Verspätung gemeldet war, fährt heute ausnahmsweise auf Gleis 3 ein. Ich wiederhole: …“ Werner machte mühsam ein Auge auf: „Scheiße, wieder in Frankfurt!“

Er war zurück in seiner Heimat, im Dschungel mit seinen mörderischen Schlingpflanzen, Orchideen, tödlichen Zweikämpfen, Nahrungssuche, gefährlichen Tieren und Pflanzen, todbringenden Insekten, ein hektisches Leben, nur vom Überlebenstrieb gelenkt. O, wenn du da nie gelebt hast, kannst du dir das nicht vorstellen! Du brauchst den ständigen Lärm, denn du hast dich daran gewöhnt. 17 Uhr: Es steigert sich, 18 Uhr: Es wird zu viel, du kannst es nicht mehr ertragen, es rennt es quietscht, schreit, hupt, brüllt und klopft. Da ein Licht, da eine Sirene! Das Ganze ist so gut organisiert, dass jeder es erträgt, aber leidet. Ja, wir werden zu Tieren gemacht, wir sind schon zu Tieren geworden. 19 Uhr, 20 Uhr: Die Nacht kommt langsam und deckt alles zu.

Zu spät, wir sind schon zu Tieren geworden, aber wer etwas ändern will, wer nicht satt ist, schläft nicht, sondern nutzt die Nacht.

Das Kind, das ich in mir habe, das jeder noch in sich hat, schlief und hörte mir diesmal schon lange nicht mehr zu. So klein es auch war, es schaffte es, über allem zu stehen. Ich war neidisch. Später erzählte es mir, was es alles gesehen hatte.

Es träumte, es sah in jedem Haus einen Baum, in jeder Wohnung einen Ast. Die Autos verwandelten sich in Moskitos. Und es sah ein Wasserloch. Es war die Zeit, wenn sich die Tiere allabendlich versammeln, um zu trinken. Die Sonne ist nur noch klein am Horizont zu sehen.

Der musizierende Esel und das Eichhörnchen erschienen als Erste. Der Esel meint, es bliebe kein Tropfen übrig, wenn er später käme, das Eichhörnchen ist sehr fleißig. Danach kommt das Pony dahergaloppiert, nur um mal zu sehen, wer da immer als Erstes kommt, freut sich mit den anderen, stellt dann aber fest, dass hier noch nicht viel los ist, und wird dann still. Der grüne Flamingo möchte sich interessant machen und kommt auch recht früh. Der musizierende Esel versucht einen Witz zu machen, der Flamingo steht zurückhaltend dabei, das Eichhörnchen ist höflich, nur das Pony lacht auf jeden Fall. Gleich darauf hört man noch ein Lachen: der Elch und der Dackel erscheinen. Kurz danach trifft das Reh ein, das scheu und verlegen um sich schaut. Der Kondor und die beiden Turteltauben umfliegen das Wasserloch, denken, dieser Moment scheint günstig zu sein, und landen. Etwas unerwartet tritt der Wasserbüffel auf, grüßt nur die, die er leiden kann – da vernehmen die Anwesenden, in Geplauder vertieft, ein heftiges Trampeln: Das brünstige Nashorn und der Elefant erscheinen. Der Elefant stürzt sich gleich ins Wasser und beginnt die Getränkezeremonie, indem er die Umstehenden mit Wasser bespritzt. Während dieser Eröffnung kommt der Rotfuchs, der noch ein Fressen gesucht hat, dann die Antilope, die ihr Junges schlafen legen wollte. Die Schildkröte hatte erst jetzt Lust zu erscheinen, die Fledermaus schwirrt lachend herbei, ebenso der Dachs und die Schwalbe, die sich auf dem Wege trafen, und als Letzter der Schakal, der zwar schon getrunken hatte, aber immer noch durstig ist. Er wollte allen beibringen, wie sie trinken sollen: „Ich habe schon an vielen Wasserlöchern getrunken, wie ihr das macht, ist scheiße!“ Aber dann wurde er ruhig und behielt das Reh im Auge.

Auch Werner hatte diesen Traum. Überhaupt, es ging ihm gar nicht gut in diesen Tagen. Sein Bauch wurde immer dicker. Zuerst dachte er, das käme vom Saufen, bis er merkte, dass er ein Kind bekommen sollte. Und es sollte eine schwierige Geburt werden …

Um seine Geburt zu verwirklichen, brauchte er Tiere, und er erinnerte sich seines Traumes. So begann er, sich seine Leute zu suchen, wobei er eine Menge kennenlernte, doch die kamen und gingen. Die ausgeflippte Schwalbe konnte wegen einer Krankheit nicht bleiben, der Schakal war nur noch am Trinken und übernahm sich, der Dackel fühlte sich unterdrückt und der Elch sah keinen Sinn in dem ganzen Theater. Dadurch wurde die Schwangerschaft sehr lang und schwierig, aber bald kamen die einsame Siamkatze, das boxende Känguru, das Schnabeltier, später dann auch der Bieber, der als Heizer und Maschinist fungierte.

Bei der Schwangerschaftsgymnastik zeichnete sich übrigens auch besonders Dr. Dittrich und sein Lokal aus. Unter der Anwendung von viel Königsbacher Wasser vollzog er seine heilende Tätigkeit. Aber auch der Elefant zeigte sich sehr bemüht um die Gesundheit des werdenden Lebens.

„Wie nach jeder Aufführung wollen wir auch diesmal mit dem Publikum diskutieren“, meinte der Elefant und unterdrückte mühsam ein Gähnen.

O, wie viel Zeit war inzwischen vergangen, wie viele deprimierende, wie viele unglückselige Momente! So drückte eine große Lustlosigkeit auf die Schultern der Tiere, so kurz vor der Geburt, aber der silberne Elefant hielt sie alle zusammen.

Als die Geburt dann stattfand, war das dann doch für alle überraschend. Vom heftigsten Lampenfieber geschüttelt und von einer fürchterlichen Aufregung gepackt, gaben dann doch alle Beteiligten ihr Bestes. Es lief wie am Schnürchen. Danach, wie sollte es anders sein, wurde gefeiert. Aber wie! Es war fast eine Orgie und alle Belastungen der letzten neun Monate fielen von jedem Tier ab und gaben sein Innerstes frei. Jeder umarmte jeden, herzte und küsste, alle freuten sich, alle Spannungen waren vergessen.

Es berauschte alle …

Eines Nachts träumte Werner wieder. Bis vor kurzem waren es nur Albträume und der Traum, in dem Werner erkannte: Er ist ein Elefant. Auch dieser neue Traum sollte ihm eine Erkenntnis bringen: Er träumte, er schwimmt mit einer Arche über die See. Es wurde langsam dunkler und stürmischer, die Tiere an Bord drängten sich um ihn und beschnüffelten ihn von allen Seiten. Plötzlich hörte er eine Stimme: „Du bist Noah, du bist Noah!“

Schweißgebadet wachte Werner auf. Er glaubte, weiter zu träumen, denn seine Ohren vernahmen noch eine Stimme, diesmal sanft, einschmeichelnd, eine weibliche Stimme: „Haben Sie schlimme Gedanken? Subversive Ideen? Haben Sie schlecht geträumt?“

Werner stammelte: „Ich ha-habe geträumt … ich wäre … Noah.“ „Haben Sie dabei schlimme Gedanken?“ „Die Arche landete und alle gingen fort!“

Die Erfüllung auch dieses Traums ließ nicht lange auf sich warten. Nach einer Weile fiel die Truppe auseinander. Einige hatten sich angefreundet, einige konnten sich nicht mehr leiden.

Und Werner fragte sich, ob nicht alles ein Traum gewesen sei …

Wahl von Germany’s next Bundeskanzlerin

Da ich zurzeit fast vollkommen in meiner Tätigkeit als Wahlleiter zur Wahl von Germany’s next Bundeskanzlerin in (sic!) Germanys next Bundeskabinett (der Aufruf zur Wahl) aufgehe, komme ich im Moment leider nicht dazu, insbesondere an den Fortsetzungen von „Sommersonnenwende“ und „Der Steppenwolf“ weiterzuarbeiten.

Am kommenden Freitag ist diese Wahl (hoffentlich) abgeschlossen, dann werde ich wieder mehr Zeit dafür haben, versprochen!

Streben

Das ist ein Jagen auf dieser Erden
nach Rang und Würden und gleißendem Schein.
Im hitzigen Fieber, etwas zu werden,
versäumen die Toren, etwas zu sein.

(Oskar Blumenthal, zitiert nach Ludwig Reiners (Herausgeber): Der ewige Brunnen)

Zwitschern

Ich weiß, warum ich nie zwitschern, also „twittern“ werde. Schon allein der Fluch der ständigen Erreichbarkeit, die freiwillige elektronische Fußfessel, der sich so viele Menschen in Form von sogenannter „mobiler Kommunikation“ aussetzen, ist mir zuwider! Und dann noch andauernd irgendwelche Statusmeldungen von mir geben?

Selbst, wenn laut (nach medienhandbuch.de) „Twitter-Fachfrau“ Nicole Simon „besonders die Medienmenschen Twitter lieben“ (zu denen ich in einem entfernteren Bereich wohl auch gehöre, aber mich doch so kaum wiederfinden kann): nein, danke!

Im Design-Tagebuch habe ich weitere Argumente gegen das Zwitschern gefunden: „Ich twitter nicht“.

Das morgendliche Zwitschern von Vögeln hingegen mag ich sehr …

Der Steppenwolf

(Sommersonnenwende, zweiter Teil)

Als er in seiner Wohnung ankommt, beschließt er als Erstes wieder einmal einen Blick in Hermann Hesses „Steppenwolf“ zu werfen. Er muss nicht lange suchen. Er hält Ordnung, wenigstens bei seinen Büchern. Nur auf seinem Schreibtisch konnten sich Papiere stapeln: Manuskripte, Buchbesprechungen, Verlagsprospekte, Zeitungsausschnitte, Notizen …

Er hatte das Buch lange nicht mehr in den Händen gehalten; es war einige Jahre her, seit er es zum zweiten Mal gelesen hatte. Zum ersten Mal zu einer Zeit, während der es so viele gelesen hatten, und das war noch viel länger her. Da war er noch jung. Wie Harry Haller hatte er schon „damals solche finstre und trübe Abende im Spätherbst und Winter geliebt, wie gierig und berauscht sog ich damals die Stimmungen der Einsamkeit und Melancholie … und voll von Versen, die ich nachher bei Kerzenlicht in meiner Kammer, auf dem Bettrand sitzend, aufschrieb!“

Er erinnert sich, dass er schon in seiner Jugend den üblichen Treffen unter Gleichaltrigen und den Neckereien zwischen den Geschlechtern aus dem Weg ging, um lieber alleine durch die Stadt zu streifen. Beim Gedanken an die damals geschriebenen Gedichte muss er schmunzeln: Nur wenige genügten seinen inzwischen strengeren Ansprüchen an Literatur, die meisten hatte er vor langer Zeit vernichtet.

Der Aussage „… und so war sein ganzes Leben ein Beispiel dafür, daß ohne die Liebe zu sich selbst auch die Nächstenliebe unmöglich ist, daß der Selbsthaß genau dasselbe ist und am Ende genau dieselbe grausige Isoliertheit und Verzweiflung erzeugt wie der grelle Egoismus“ kann er bis auf den ersten Teil zustimmen: Er hatte gelernt sich zu akzeptieren, vielleicht sogar zu sehr, vielleicht war er zu autark, zu selbstständig, um andere Menschen zu brauchen, geht es ihm durch den Kopf.

Er blättert weiter und liest: „Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen.“

Still ist es, bis auf die wenigen Geräusche, der von der Straße hinauf in seine Wohnung dringen. Er genießt diese Stille, in Kürze, wenn es völlig dunkel sein wird, wird sie noch größer sein. Sofern keine Nachbarn auf die Idee kommen, zu später Stunde ein Bild aufhängen oder gar ein Regal aufbauen zu wollen, schränkt er mit Grausen ein. Oder die Waschmaschine in Betrieb setzen, dann wackelt seine ganze Küche und von drehenden Sternen keine Spur, eher von tanzenden Gläsern. „Lärm mordet Gedanken“, fällt ihm dazu Nietzsche aus dem „Zarathustra“ ein.

„Er hat sich nie für Geld und Wohlleben, nie an Frauen oder an Mächtige verkauft und hat hundertmal das, was in aller Welt Augen sein Vorteil und Glück war, weggeworfen und ausgeschlagen, um dafür seine Freiheit zu bewahren.“ Das stimmte! Er hatte sich mit Vorgesetzten angelegt und seine Karriere behindert, weil, wie man sagte, er sich zu oft selbst im Weg stand. Und bei Frauen hatte er sich nie angebiedert oder um sie geworben. Sie waren auf ihn zugekommen, hatten ihn erwählt, nachdem sie seinem Charme erlegen waren, der allerdings immer zynischer wurde. Das eigene Werben hatte er schon in seiner Jugend aufgegeben. Lieber saß er damals in seinem Zimmer und verfasste Liebesgedichte, die er aber niemals jemandem zu zeigen wagte, erst recht nicht den Beschriebenen selbst.

Ihm fällt seine frühere Ehe ein. Es war eine jener seltenen Gelegenheiten im Leben, die zudem auch nicht vielen Menschen zuteil wird, in der sich zwei Menschen treffen, sich auf den ersten Blick ineinander verlieben und beschließen zusammen zu bleiben. Einfach so! Sie hatten bald geheiratet und eine äußerst innige und intensive Liebesbeziehung geführt. Doch das Feuer der Leidenschaft konnte natürlich nicht ewig halten: In diesem Wissen (und beide wussten darum) erkaltete ihre Gemeinschaft; kurz bevor die Grenze zum Hass, weil beide unfähig waren, etwas gegen dieses Erkalten zu unternehmen, und doch jeder dies vom anderen erwartete, überstiegen werden konnte, trennten sie sich.

Seine Liebschaften und Affären danach waren entweder erotischer oder intellektueller Natur; sie bestanden entweder aus einer körperlichen oder geistigen Nähe, beides konnte er nicht mehr miteinander verbinden: Verhältnisse, die keinen „Verkauf“ seiner selbst benötigten, um eingegangen zu werden.

Er sucht weiter nach den früher mit feinem Bleistift unterstrichenen Stellen und liest „… daß seine Freiheit ein Tod war, daß er allein stand, daß die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, daß die Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst sich nicht, daß er in einer immer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte.“ Er muss schlucken. Steht es schon so schlimm mit ihm? Andererseits, um es nochmals mit Nietzsche zu sagen: „Muß man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt?“

Er zündet sich eine Zigarette an und beschließt eine Flasche Wein zu öffnen. Da fällt ihm ein, dass er auf dem Weg nach Hause vor lauter Gedanken vergessen hatte eine zu besorgen, da sein Vorrat in seinem Keller aufgebraucht war. Er schaut auf seine Uhr: Mist! Jetzt hatte seine Weinhandlung bereits geschlossen. Also muss er noch einmal hinaus zum nächsten Supermarkt, und zwar schnell. Der „Steppenwolf“ muss warten.

(Fortsetzung: Der Trick mit Thomas Bernhard)

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