Einfache Fahrt

Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht über Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer beichtet wird. Tausende von Toten sind inzwischen zu beklagen. Die italienische Gruppe Canzionere Grecanico Salentino hat ein herzzerreißendes Lied mit einem ebensolchen Video dazu veröffentlicht: „Solo andata“, eine einfache Fahrt — ohne Rückfahrkarte!

Flüchtlingsströme ohne Ende! Im Mittelmeer enden sie nicht selten in Katastrophen; es vergeht inzwischen kaum noch ein Tag, an dem wir nicht über oft bis zu Hunderte von Toten informiert werden. Tausende dürften es insgesamt sein: Bootsflüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen (wollen), die aus Verfolgung, Not und Elend fliehen und nur eine einfache Fahrt aufnehmen — ohne Rückfahrkarte. Und es lassen sich nur die zählen, die in Europa angekommen sind — egal, ob lebend oder tot. Und gleichzeitig kentert mit den Booten auch unsere Menschlichkeit!

Canzionere Grecanico Salentino, 1975 gegründet, gilt als ältestes italienisches Ensemble für traditionelle Musik. Es ist in Lecce auf der Halbinsel Salento in Apulien, dem „Absatz“ des italienischen „Stiefels“, beheimatet. Mit „Solo andata“ (deutsch: einfache Fahrt) haben sie ein herzzerreißendes Lied nach einem Text von Erri De Luca und der Musik von Daniele und Mauro Durante über die Bootsflüchtlinge geschrieben, und das Video dazu ist ebenso herzzerreißend. Der Text in einer wahrscheinlich nicht ganz so geglückten Übersetzung des Autors:

Solo andata — Einfache Fahrt

Wir, die Unzählbaren, verdoppeln jedes Schachbrett,
wir pflastern euer Meer mit so vielen Körpern, dass ihr darauf gehen könnt.

Ihr könnt uns nicht zählen: Wenn ihr es versucht, multiplizieren wir uns,
wir Kinder des Horizonts, der uns verkehrt herum ausspült.

Kein Polizist kann uns mehr missbrauchen
als wir nicht schon erlitten haben.

Wir werden euch als eure Diener dienen, als Kinder, die ihr nie hattet,
unsere Leben werden eure Abenteuergeschichten sein.

Wir bringen Homer und Dante mit, den Blinden und den Pilgerer,
den Duft, den ihr verloren habt, die Gleichheit, die ihr unterdrückt.

Wie groß auch immer die Entfernung, Millionen von Schritten, wir kommen,
wir sind die Füße und wir tragen euer Gewicht.

Wir schaufeln den Schnee, rechen den Rasen,
klopfen eure Teppiche, ernten eure Tomaten und Beschimpfungen.

Wir sind die Füße und wir kennen jeden Schritt,
wir sind die Roten und Schwarzen der Erde,

das Überseegebiet der ausgetretenen Sandalen,
der Blütenstaub und das Pulver im Wind heute Abend.

Einer von uns sagte in unserem Namen:
„Du kannst mich nicht loswerden.

Ja, ich werde sterben,
aber in drei Tagen werde ich auferstehen und wiederkommen.“

[Gesprochen:] Umarmt vom Mittelmeer,
Flüchtlinge aus Afrika und dem Osten
sinken in die Niederungen der Wellen.
Der Sack mit Samen, den sie von Zuhause brachten,
verstreut zwischen Seegras und Haaren.
Ausgetrockneter Boden in Italien ist ein Land ohne Entkommen,
wir lassen sie ertrinken um sie zu überfluten.

(Text: Erri De Luca)

Das Video im italienischen Original mit englischer Untertitelung:

 
Weitere Verweise zum Thema:
Petition auf change.org: Stoppt das Sterben auf dem Mittelmeer!.
Siehe hier auch weitere Beiträge aus der Kategorie „fremd“ und dort besonders das Gedicht „Fremde“, und der Nachtrag im Artikel „Kaffee aus Togo“ zeigt übrigens, warum die im Liedtext genannten „Tomaten“, die die Flüchtlinge in Italien ernten, ursprünglich zu ihren Fluchtursachen beitrugen!


Kommentare

Einfache Fahrt — 7 Kommentare

  1. Mein Mund schweigt, aber mein Herz weint Tränen des tiefen Schmerzes. Dieser Liedtext und auch das Video berühren die Tiefe Seele. Selbst arbeite ich jeden Tag mit Asylbewerbern und Flüchtlingen, kenne ihre Geschichten und ihre Traumata, trockne Tränen und Lehre Sie unsere Sprache, damit ihr Leben erträglicher wird. Welches Geschenk diese Menschen treffen zu dürfen. Die Regierenden aller Völker haben den Weltgeist und ihre tiefe Seele nicht verstanden. Wie sollen sie auch, die, die Wurzeln von uns allen Versuchen zu zerstören, ohne Rück-Sicht und ohne Vor-Sicht wird entwurzelt und verbrannt. Aber in allem stirbt die Hoffnung zuletzt und die Sonne geht jeden Tag erneut auf.

    • Eine sicher schwierige Aufgabe in diesen Tagen und Zeiten, zudem zeigt sich hier oft und wieder, wie sich der Staat seiner sozialen Verantwortung entzieht und solche Aufgaben Ehrenamtlichen überlässt. Viel Glück und Erfolg!

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