Das Leben hier ist nicht einfach!

Putzen, Studium, Prostitution — Frauen aus der Dritten Welt in Frankfurt

Ich bin vor einem Jahr hierhergekommen. Zuhause in Lateinamerika war ich vorher sieben Jahre lang Mathematiklehrerin. Ich habe alles zurückgelassen, weil ich gedacht habe, daß das Leben in Deutschland besser für mich sein könnte. […] Ich komme aus der Dritten Welt, und da denken die Menschen, daß Europa ein Paradies ist. Die ersten drei Monate hier waren für mich auch so. Aber dann war mein Geld zu Ende. Ich mußte Arbeit suchen. Seit diesem Tag hab ich Deutschland kennengelernt.

(aus dem Artikel „Pünktlichkeit und Hundescheisse [sic!]“ in Die Tageszeitung taz, Ausgabe für Frankfurt am Main vom 15. Mai 1979, Seite 10)

Während seines Studiums nahm der Autor auch an einem mehrsemestrigen Seminar über „Frauen und Dritte Welt in Frankfurt“ teil, das schließlich in einer Ausstellung mit der Präsentation der Ergebnisse seinen Abschluss fand. Im Rahmen dieses Arbeitskreises führte der Autor mehrere Gespräche mit Frauen aus der Dritten Welt, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach Frankfurt kamen. Lesen Sie im Folgenden einige Auszüge daraus.

Vom Wintersemester 1986/1987 an nahm ich an einem mehrsemestrigen Seminar des Fachbereichs Pädagogik Dritte Welt mit dem Titel „Frauen und Dritte Welt in Frankfurt“ teil, das schließlich in der Ausstellung „Frauen aus aller Herren Länder“ mit der Präsentation der Ergebnisse seinen Abschluss fand. Zu dieser Ausstellung, die vom 29. August bis zum 30. September 1990 im Historischen Museum in Frankfurt am Main gezeigt wurde, gab es zusätzlich ein reichhaltiges Rahmenprogramm mit Vorträgen und Führungen in den unterschiedlichsten Sprachen.

Mein Interesse an diesem Thema rührte von einer Fahrt durch Nord- und Westafrika her, die ich mit mehreren Ethnologie- und Anthropologiestudenten unternahm, vom längeren Zusammensein mit einer Brasilianerin und von der Tatsache her, dass mein Freundes- und Bekanntenkreis zum damaligen Zeitpunkt etwa zur Hälfte aus Nicht-Deutschen bestand. Ich fand, dass diese Beziehungen und Kontakte immer eine wesentliche Bereicherung meines kulturellen Horizonts darstellten, der, wie ich auch heute noch finde, für uns Deutsche sehr eng gesteckt ist. Obwohl ich im Hauptfach Germanistik mit den Schwerpunkten Neuere Literatur (ab dem 16. Jahrhundert) und Kinder- und Jugendliteratur und im ersten Nebenfach Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und im zweiten etwas Soziologie („Liebe als soziales Motiv. Zur Sozialisation eines Gefühls“) studierte, also nichts mit dem Fachbereich dieser Veranstaltung zu tun hatte, entschloss ich mich trotzdem, daran teilzunehmen.

Im Rahmen dieses Arbeitskreises informierte ich mich ausführlich über Partner- und Heiratsagenturen, die sich auf die Vermittlung von Frauen aus der Dritten Welt spezialisiert haben. Dazu gehörten auch mehrere Beratungsgespräche, in denen ich mich als heiratswilliger Kandidat ausgab. Gegebenenfalls werden später und nach erneuter Sichtung und Auswertung der verbliebenen Unterlagen Ergebnisse daraus in diesen Notizen veröffentlicht werden. Zudem führte ich etwa 1986/1987 mehrere Gespräche mit Frauen aus der Dritten Welt selbst, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach Frankfurt kamen. Sie erscheinen mir auch heute noch aktuell, zumal wir oft immer noch wenig über die Gründe wissen, die Ausländer hierherführen und wie sie sich hier fühlen, sodass ich mich entschlossen habe, an dieser Stelle einige Auszüge daraus zu veröffentlichen. Sie werden hier, von der alten in die neue Rechtschreibung übertragen, eins nach dem anderen eingestellt werden. Beginnen wir mit

Eva, 29 Jahre, aus Kenia, Prostituierte

Eva ist seit einem Jahr in Frankfurt und arbeitet in einem Bordell. Vorher arbeitete sie in einer anderen Stadt „privat“. Sie ist mir einem Deutschen verheiratet, den sie in Kenia kennengelernt hatte. Dort hatte sie auch eine Freundin, die mehr oder weniger als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdiente. (Zur Erklärung: In Afrika, aber auch in Asien und in Lateinamerika äußert sich Prostitution anders als hier. So gibt es dort beispielsweise keine oder kaum Laufkundschaft, sondern die jeweiligen Männer sind boyfriends, feste Freunde, denen sich die Frauen für die Dauer ihres Aufenthalts nach Möglichkeit ausschließlich widmen.) Diese redete Eva zu, es doch auch einmal zu probieren. Als diese Freundin schon bald ein kleines Haus zusammengespart hatte, sei Eva überzeugt gewesen.

Touristen erschienen ihr allesamt als sehr reich, immerhin konnten sie sich einen für einen Durchschnittsafrikaner unerschwinglichen Flug leisten, und sie sei darauf bedacht gewesen, sich in der kurzen Zeit möglichst viel Geld geben zu lassen. „Die Männer schickten mir später auch oft mal eine Bluse oder ein paar Jeans, die in Kenia schwer zu bekommen sind und dann sehr teuer.“

Sie kam mit ihrem Mann nach Deutschland und wollte eigentlich nicht mehr als Prostituierte arbeiten, „weil ich dachte, dass die Menschen hier so reich seien, dass ich nur mit dem Finger zu schnipsen bräuchte und die Diener bringen mir das Essen. Wirklich, in Afrika denkt jeder, dass die Europäer alle sehr reich sein müssen, und das Gegenteil möchte niemand glauben!“ Auch ihr Mann wollte es zuerst nicht, habe sich dann aber damit abgefunden. „Er bekommt auch kein Geld von mir, ich gebe ihm nur einen Anteil für die Ausgaben dazu, für Essen. Ich muss auch nicht in diesem Beruf arbeiten, ich könnte auch etwas anderes machen, aber so verdiene ich am meisten.“

Nachdem Eva schon eine ganze Weile unaufgefordert und ohne, dass ich sie gebeten oder gefragt hätte, von sich erzählt hatte und erklärte, dass sie sich gern unterhalte, ich überhaupt den Eindruck hatte, dass sie sich freute, weil sich jemand für sie interessierte, sprach sie weiter: „Das Leben hier ist nicht einfach. Alles ist so ganz anders als in Afrika. Und an Haltestellen habe ich oft das Gefühl, dass die Menschen über mich reden. Ich höre oft das Wort ‚Neger‘. Oder im Bus, die Leute hinter mir …“ Auf die Frage, ob sie mit ihrem Leben glücklich sei, antwortete sie etwas nachdenklich und mit einem Schulterzucken mit Ja.

Sie möchte hier noch etwa drei bis vier Jahre arbeiten: „Ich bin immerhin schon 29 Jahre alt.“ Dann habe sie das Geld zusammen, um eine kleine Etagenwohnung oder ein Haus zu kaufen. (Zum Vergleich: Obwohl die Einkünfte und die Lebenshaltungskosten in Kenia geringer sind als hier, kosten Grundstücke und Häuser in den großen Städten Nairobi und Mombasa etwa so viel wie hier, auch die Mieten entsprechen denen hierzulande!) „Es muss auch gar nicht groß sein, ein Zimmer, eine Küche, ein Bad reichen mir. Vielleicht mache ich ein Restaurant auf oder so etwas. Mein Mann kann mitkommen, wenn er möchte, und wenn nicht, ich gehe auf jeden Fall zurück. Aber er kann mich dann besuchen kommen und seinen Urlaub bei mir verbringen.“

Sie dachte kurz nach, ob sie von sich aus noch etwas ergänzen wollte, überlegte und meinte dann entschuldigend und mit einem erneuten Schulterzucken: „So, that’s all.“

Martha, 17 Jahre, aus Kolumbien, Studentin

Martha ist bis zu ihrem Alter von 13 Jahren in Kolumbien aufgewachsen. Dann wollte ihre Mutter ihren Doktortitel erwerben und sie ging mit ihr in die USA. Dort blieb sie vier Jahre, machte ihr Abitur und besuchte Kurse und Seminare über Politik. Als ihr Stiefvater durch eine US-Firma eine Stelle in der damaligen Bundesrepublik bekam, zogen ihre Mutter und ihr Stiefvater hierher. Martha selbst blieb zunächst einige Monate weiter allein in den USA, auf den Wunsch ihrer Eltern folgte sie ihnen jedoch nach. Sie ist nun seit acht Monaten in Deutschland und besucht eine amerikanische Universität in Frankfurt.

Ihr erster Eindruck von Frankfurt war denn auch der einer US-Amerikanerin: „Hier ist alles viel kleiner als in den USA. Es gibt viel weniger Parkplätze. In den USA ist alles viel größer.“ Zuerst habe sie große Angst gehabt hierherzukommen, weil sie in den USA durch ihr Studium der Politik und Geschichte viel Negatives über Deutschland gehört hatte. Inzwischen seien jedoch die meisten ihrer Freunde Deutsche.

Die Gewöhnung an Deutschland sei ihr leicht gefallen, weil sie glaubt, „dass die Mittelschicht überall auf der Welt in etwa dieselben Lebensmuster hat“. Bisher habe sie keine Schwierigkeiten gehabt. Obwohl sie lange in den USA gelebt hat, fühle sie sich immer noch als Kolumbianerin. Sie möchte noch einmal in die USA zurück, aber nicht für immer. Auch nach Kolumbien möchte sie, könne sich aber auch vorstellen hierzubleiben, aber ebenso nicht für immer, es sei denn, sie träfe einen Mann, der nicht auswandern möchte. Bei der Frage, wo sie denn ihren Lebensabend beschließen möchte, spielen bei ihr hauptsächlich finanzielle Gründe, z. B. die Altersversorgung, eine Rolle.

Ihre Freunde hier lernte sie in einem Deutschkurs kennen und in einer politischen Gruppe, in der sie „locker“ sein könne. (Anmerkung: Mit „locker“ meinte sie, dass sie in dieser Gruppe zwar mitarbeitet, aber nicht aus Überzeugung, sondern eher aus Interesse und bestimmten Gemeinsamkeiten.) Sie sei in dieser Hinsicht auch sehr unkompliziert: „Man lernt eben Leute kennen; die einen sind eben wärmer und es entwickelt sich etwas, bei anderen klappt es eben nicht. Es ist auch eine Frage des Interesses.“ Zu Frauen habe sie ein einfacheres Verhältnis, während es zu Männern eher distanziert sei, auch zu ihrem Freund, der in einer anderen Stadt wohnt und den sie daher nicht oft sehen kann und mit dem sie hauptsächlich politische Gemeinsamkeiten verbänden. „Aber es ist nichts für die Dauer.“

Martha sei sehr liberal und nicht katholisch aufgewachsen. Schon ihre Eltern hätten die Kirche als sehr „repressiv“ empfunden, während ihre Großeltern noch sehr religiös gewesen seien. (Anmerkung: Im durchweg katholischen Lateinamerika übt die Kirche eine große moralische Wirkung aus, vor allem in den ländlichen Teilen, während hingegen Großstädter meist liberaler sind.) Sie entstamme der Mittelklasse, „und meine Mutter hatte schon immer bessere Jobs als mein Vater“ (was für Lateinamerika wegen der stark religiös geprägten Geschlechterrollen ebenfalls keineswegs alltäglich ist!). Daher habe sie auch wenig Schwierigkeiten mit der Rolle der Frau. Überhaupt, so meint sie, „müsse man sehr vorsichtig sein mit dem üblichen Denken, dass Frauen in der Dritten Welt überall unterdrückt sind“. Es entspringe häufig nur Vorurteilen: „Natürlich gibt es diese Unterdrückung, aber es gibt auch Vorurteile der Europäer!“ Für sich persönlich schränkt sie allerdings ein, dass sie zwar „bewusst“ über Rollenverhalten erhaben sei, ihr aber der Gedanke manchmal schon etwas komisch vorkomme, falls sie mit 30 noch nicht verheiratet sein sollte.

Wenn sie Kolumbien und Deutschland vergleicht, so sieht sie in ihrem Heimatland vor allem „soziale Unterdrückung“ und den Zwang, sich seiner Schichtzugehörigkeit gemäß zu verhalten. Sie könne in Kolumbien beispielsweise keine Secondhand-Kleidung tragen: „Bei uns tragen eben nur die Armen alte Sachen, klar, sie sind eben arm. Aber in meiner Schicht tut man so etwas einfach nicht; es ist bei uns eben einfach nicht möglich! Es ist wie ein Tabu, aber so, in diesen Klamotten, könnte ich dort nie herumlaufen. Der Zwang zur Anpassung ist unheimlich stark.“

Deutschland sei für sie viel liberaler und habe einen höheren Lebensstandard. „Dafür sind die Menschen hier viel unflexibler und nervöser. Wenn du in Kolumbien eingeladen wirst, kannst du immer noch Leute mitbringen. Hier musst du erst fragen, ob du noch jemand mitbringen darfst, und alles ganz genau anmelden.“

Soledad, 35 Jahre, aus Chile, Sozialarbeiterin

Soledad ist mit einer Unterbrechung von einem Jahr seit 13 Jahren in Deutschland. Ihr Mann sei in Chile von Verfolgung bedroht gewesen und sie kam mit ihm hierher, obwohl sie dort hätte weiter bleiben können, wie sie betont. (Zur Erklärung: Durch den unter Mithilfe der CIA durchgeführten Militärputsch von General Augusto Pinochet am 11. September 1973 verschärfte sich die Menschenrechtssituation für auch nur vermeintlich „links“ gehaltene Menschen und besonders für Künstler und Studenten, sodass viele nach Europa emigrieren mussten.) Sie hatte in Chile studiert, nahm ihr Studium auch hier wieder auf und machte ihren Abschluss. Auf dem Arbeitsamt sei ihr jedoch gesagt worden, dass sie hier keine Möglichkeit habe, als Sozialarbeiterin tätig werden zu können. Heute arbeitet sie als Kellnerin in einem südamerikanischen Restaurant.

Ihr allererster Eindruck von Deutschland war die Kälte des Wetters; in Chile sei gerade Sommer gewesen und sie nur leicht bekleidet hier angekommen. Die Menschen fand sie sehr positiv und freundlich, „ich hatte keine Vorurteile“. Allerdings spürte sie auch die Welle der Solidarität, mit der Chilenen hier empfangen wurden. Mit der Zeit sei ihr erster Eindruck aber nicht mehr so positiv geblieben.

Erste Kontakte bekam sie vor allem durch Solidaritätsgruppen und durch ihren Mann, später seien eigene hinzugekommen. Sie habe aber auch heute noch kaum Kontakte zu Deutschen, sondern fast ausschließlich zu spanisch sprechenden Südamerikanern. Von Deutschen empfinde sie oft einen Paternalismus, der ihr nicht gefällt. Ihre Erfahrungen mit Behörden seien „nicht so schlecht. Es ist aber auch eine Frage des Benehmens, des Selbstbewusstseins und des Kampfes. Man muss seine Rechte eben auch durchsetzen können“, sagt sie.

Gegenüber Frauen habe sie prinzipiell „mehr Respekt“ und ein sehr gutes Verhältnis. Ihre beste Freundin ist eine Deutsche, auch deshalb, weil sie in keiner Weise paternalistisch sei. Gegenüber Männern hingegen empfinde sie oft Verachtung, „aber ich kann auch wenig dazu sagen“. Lateinamerikaner sähen Frauen immer noch zu stark als Objekt, „es gibt keine Weiterentwicklung, sie sind alle stehen geblieben“. Zu deutschen Männern habe sie überhaupt keine Beziehungen, sie könne und wolle auch nicht, weil sie sich eines Tages durch einen deutschen Mann gezwungen fühlen könnte, hier zu bleiben, „aus Liebe, und das möchte ich nicht“. Ihre Kontakte zu ihnen seien deshalb eher „brüderlich“.

Ihre Ehe ist inzwischen auseinandergegangen. Als sie vor einigen Jahren auch mit der Perspektive nach Chile reiste, dort zu bleiben, ihr Mann ihr aber klar sagte, dass er nicht mitkommen werde, bedeutete das das Ende ihrer Beziehung. Sie kam noch einmal nach Deutschland zurück, um die Trennung „klar zu machen“. Sie hat eine zwölfjährige Tochter aus dieser Ehe, und inzwischen ist sie wieder mit einem Chilenen zusammen.

Soledad sei sehr konventionell erzogen worden. Durch ihren Aufenthalt hier habe sie viele Muster einer traditionellen Frauenrolle abgebaut und wollte das auch. Dazu, so sagt sie, habe sie die Möglichkeit aber auch in Chile gehabt, denn es gäbe viele Frauengruppen dort, die sich mit der Situation und der Rolle der Frau beschäftigten. Vergleicht sie Deutschland und Chile, so empfindet sie die Menschen in ihrem Heimatland als viel wärmer und lockerer, während sie hier zurückgezogener und einsamer seien. Sie habe sehr viel Heimweh und Sehnsucht nach ihrem Land und möchte auf jeden Fall wieder dorthin zurück; sie könne und wolle unter keinen Umständen in Deutschland bleiben. Wenn ihre Tochter nicht gewesen wäre, so wäre sie schon längst wieder dort. So aber rechne sie damit, „höchstens noch zwei Jahre, besser wäre ein Jahr“ hier zu bleiben.

Rückblickend sagt Soledad: „Es war kein richtiges Leben hier, es war wie im Wartesaal. Ich bin hier nie richtig mit zwei Füßen gewesen.“

Wangiro, 24 Jahre, aus Kenia, Angestellte

Wangiro ist seit sechs Jahren in Deutschland. In Kenia arbeitete sie in der Buchhaltung einer Bank. Sie kam hierher, um Textildesign zu studieren, besuchte auch entsprechende Kurse in Frankfurt und Darmstadt, um sich erst einmal zu informieren, brach diese dann aber ab, weil sie ihr nicht mehr gefielen. Sie wollte ursprünglich in die USA, entschied sich dann aber für Frankfurt, weil hier schon eine Schwester lebt, die mit einem Deutschen verheiratet ist. „Es kommt billiger für mich, dachte ich damals.“

Ihre ersten Eindrücke von Deutschland beziehen sich auf das Wetter und auf das „unglückliche und traurige“ Aussehen der Menschen auf den Straßen. Letzteres erwähnte sie noch häufig im Verlauf unseres Gesprächs. „Die Leute scheinen alle unglücklich und unzufrieden mit sich selbst zu sein“, sagt sie. Dies berühre sie sehr, stoße sie aber gleichzeitig auch ab: „Ich möchte mit den Leuten auf der Straße aber auch nichts zu tun haben!“

Ihre ersten Kontakte machte sie durch eine Sprachenschule und durch Vorlesungen an den Hochschulen. „Ich kenne sie auch heute noch, meine Freunde sind okay, meine Lehrer damals waren auch alle sehr nett zu mir.“ In Kneipen ging sie nur mit Freunden, nicht aber, um dort Leute kennenzulernen. Mit Behörden habe sie nie Probleme gehabt: „Ich weiß nicht warum, aber innerhalb von 15 Minuten hatte ich eine Arbeitsgenehmigung.“

Bei ihrem Einleben halfen ihr vor allem Freunde, ihre Schwester und ihr späterer Mann, ein Deutscher. Sie traf ihn auf einer Studentenparty in Darmstadt, wo er Fotografie studierte. „Ich war nie darauf aus, hier einen Mann zu finden. Ich wollte sogar nach Kenia zurück, so nach einem Jahr, sagte das auch meinem Mann, und bin dann auch zurückgegangen. Aber er ist mir nach einem halben Jahr gefolgt und ein halbes Jahr dortgeblieben. Dabei hat er sein Examen über die Kikuyu (eine Ethnie in Kenia, der auch Wangiro angehört) geschrieben und viel fotografiert. Ich habe ihm viel dabei geholfen.“ Schließlich heirateten beide in Kenia.

Zurück in Frankfurt, hatten beide eine lange Zeit finanzielle Schwierigkeiten, weil sie keine Arbeit finden konnten. Obwohl ihr Freunde und andere Männer immer wieder den Rat gaben, sich doch einen anderen Mann zu suchen, der sie ernähren könne, bleib sie bei ihm, „weil ich meinen Mann liebe“. Kurz bevor sie aber auf seinen Vorschlag zeitweise nach Kenia zurückkehren wollte, bis wenigstens er eine Stelle gefunden hätte, fanden beide innerhalb einer Woche eine Anstellung, sodass sie nun auch ihre achtjährige Tochter von Kenia nach Deutschland holen konnten.

Heute sei sie sehr glücklich mit ihrem Leben hier. Nach einem Arbeitsplatzwechsel fand sie eine Stelle in einem Kinozentrum, die ihr viel Spaß macht. Sie arbeite auch sehr viel, nachdem sie von ihrer Chefin regelrecht protegiert, d. h. von einer Putzfrau auf einen verantwortungsvolleren Posten befördert worden war: „Ich hatte keine Lust mehr, immer nur zu putzen, also wollte ich die Chefin sprechen. Im Vorzimmer saßen mehrere Sekretärinnen, und sie fragten mich, ob ich einen Termin hätte. Ich sagte Nein, und sie sagten, dann geht das nicht. Also wollte ich an den Sekretärinnen vorbei und selbst anklopfen. Hinter mir tuschelten nur alle und riefen: ‚Nein, das geht nicht!‘, aber gerade da ging die Tür auf und die Chefin schaute heraus und fragte, was ich wollte. Sie nahm mich in ihr Zimmer, und als ich herauskam, schauten mich alle ganz ehrfürchtig an. So etwas war da noch nie passiert.“

Mit ihrer Rolle als Frau glaubt sie, nie Schwierigkeiten gehabt zu haben: „Ich hatte schon in Kenia gearbeitet und war schon sehr selbstständig, meine Mutter auch. Sie hatte ihr eigenes Geschäft.“ Als schwarze Frau wird Wangiro häufig von Männern, vor allem aber von „jungen Burschen“ (youngsters, wie sie sagt, im Alter zwischen 18 und 20 Jahren) angesprochen, was sie sehr nerve, aber auch belustige.

Vergleicht sie Deutschland mit Kenia, so fallen ihr wieder das traurige Aussehen und dann auch die Mentalität der Menschen ein: „Die Leute in Kenia sind mit sich zufrieden, hilfsbereit und glücklich. Hier haben die Leute kaum Kontakt, sogar unter Nachbarn.“ Sie wundert sich auch über die hohe Scheidungsrate und die Beziehungen in Deutschland: „Die Leute hier können sehr gut Gefühle vortäuschen und sich gegenseitig belügen. Oder sie gehen Händchen haltend auf der Straße, aber so wie sie nach Hause kommen, werden beide zu Feinden. Oder sie gehen alle fremd. Sag mir, was das mit Freiheit zu tun hat“, fragt sie mehrmals.

Sie und ihr Mann wollen in einigen Jahren nach Kenia zurückkehren bzw. auswandern. In einer kenianischen Lotterie hat sie ein kleines Haus in Nairobi gewonnen, in dem beide leben möchten. Schon jetzt sparen beide für diese Zukunft. „Vielleicht machen wir ein Restaurant auf oder so etwas.“ Aber auch wenn das beide noch nicht so genau wissen, „wir werden sehr reich sein, wenn wir in Kenia sind.“

Indira, 32 Jahre, aus Brasilien, Lehrerin

(Das folgende „Gespräch“ unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den vorigen. Während ich bei jenen nach jedem Gespräch die Stichpunkte, die ich mir währenddessen notiert hatte, in Textform niederschrieb, erscheint dieses hauptsächlich aus der Erinnerung. Es handelt sich nämlich um meine frühere Freundin, eine Brasilianerin. Ergänzt wird es mit Zitaten aus einem Bericht aus der Tageszeitung taz vom 15. Mai 1979, der ihr Leben hier schilderte, von dem sie mir natürlich auch erzählte und aus dem auch das einführende Motto am Kopf dieses Eintrags übernommen wurde. Hierfür soll der von ihr und der taz gewählte Name „Indira“ beibehalten werden, wohl wissend, dass er nicht ihrem wahren Vornamen entspricht. So schrieb die taz: „Die Verhältnisse in der BRD haben gefordert, daß die Namen in dieser Geschichte verändert werden mußten.“ Ihr Alter und die Zeitangaben wurden auf 1984/1985 zurückdatiert, die Zeit, in der wir uns kannten.)

Indira lebt seit sechs Jahren in Deutschland, zuerst illegal, bis sie durch eine Scheinehe einen legalen Aufenthaltsstatus erhielt. In Brasilien arbeitete sie als Mathematiklehrerin. (Anmerkung: Der Beruf des Lehrers genießt in Brasilien bei Weitem kein so hohes Ansehen und wird auch keineswegs so entlohnt wie hier.) Zunächst sprach sie kein Wort Deutsch.

Ihre erste Arbeitsstelle fand sie als Illegale in einem Zeitungs- und Zeitschriftenvertrieb in Frankfurt. Dort sortierte und bündelte sie mit mehreren, meist älteren Kolleginnen einmal in der Woche nicht verkaufte Zeitungen und Zeitschriften an einem Fließband, damit sie an die Druckerei zurückgeschickt werden konnten. Es habe dort Frauen gegeben, die dort die ganze Woche arbeiteten, „ohne Papiere, ohne Krankenkasse, überhaupt nichts“. Sie erhielten 50 DM pro Tag, und „wenn ich weggehe, bekomme ich keinen Lohn“. Da ihr dieser nicht mehr reichte, erhielt sie durch die Vermittlung eines Portugiesen noch eine Putzstelle in einem führenden IT-Weltkonzern ebenfalls in Frankfurt. (Der Name ist sowohl der taz als auch mir bekannt, soll aber hier verschwiegen werden, da er nichts zur Sache tut.) „Dort arbeiten die Leute ohne Papiere und müssen unterschreiben, was gar nicht stimmt.“ Beispielsweise habe der Chef „ein Papier vorgelegt, da stand drauf, dass ich 860 Mark bekomme, aber es waren nur 450 Mark. Das sollte ich unterschreiben.“ Auf ihre Beschwerde sei ihr geantwortet worden: „Ja, ich muss ihre Krankenkasse bezahlen.“ Dabei sei sie doch überhaupt nicht versichert gewesen!

Als sie sich dort für eine 16-jährige Portugiesin einsetzt, die von ihrem deutschen Vorgesetzten „weggestoßen, weggeschmissen“ wird, sodass sie durch eine Glastüre fällt, muss sie gehen, da jene später aus Angst behauptet, dass nichts passiert sei. „Das war eine Niederlage für mich, das war schlimm. Ich hatte das Gefühl: keine Arbeit mehr, kein Geld. Aber auf der anderen Seite war ich glücklich mit mir. Ich hab meinen Mund aufgemacht. […] Aber es gibt etwas, das ist besser für den Menschen als Essen: wenn er glücklich ist mit sich selbst.“ Von sich sagt sie: „Mit mir kann man viel machen, und ich wehre mich nicht; aber ich konnte es noch nie ertragen, auch zu Hause nicht, wenn anderen Leuten Schlimmes zugefügt wird.“ Als sie sich noch am selben Tag Hilfe suchend an den Pfarrer der portugiesischen Gemeinde wendet, versucht dieser sie zu vergewaltigen.

Zu dieser Zeit wohnte sie in einer Wohngemeinschaft mit einem italienischen Arbeiter und einer tschechischen Lehrerin in einem Abbruchhaus im Frankfurter Westend, „ohne Wasser und ohne Heizung bei 10 Grad Kälte. In der Zeit hab ich 7 Kilo abgenommen.“ Als eines Tages die Polizei erschien, fürchtete sie zunächst, sie könne abgeschoben werden, doch der Grund war ein Wasserrohrbruch bei 18 Grad minus. „Sie haben gesehen, was alles kaputt war im Haus: keine Fenster mehr, kein Wasser, kein Strom. Sie haben sehr schön gesprochen, haben gesagt: ‚Das ist unverschämt von diesem Hausbesitzer‘ — aber gemacht haben sie nichts! Das habe ich von der deutschen Justiz nicht erwartet. Weil, hier sagt man: Alles ist o r d e n t l i c h .“ Sie wollte eine andere Wohnung für sich suchen, aber „ich fand nichts, war müde — da dachte ich daran, Prostituierte zu werden. Das Leben hier wäre dann leichter für mich.“ Als sie ein Angebot bekommt, als Masseuse nackt in einer Sauna zu arbeiten, wirft sie die Adresse weg, „auch weil ich Angst vor mir hatte, dass ich den Job machen würde. Ich war fast so weit, alles zu machen!“

Dann sei ihr die Idee einer Heirat gekommen. In ihrem Bekanntenkreis fand sich jemand, der auch eine Heirat brauchte, um vom Zivildienst befreit zu werden. (Zur Erklärung: Zur damaligen Zeit wurden wegen der geburtenstarken Jahrgänge verheiratete Wehrpflichtige von den Einberufungen zu Wehr- und Ersatzdienst, wie der Zivildienst noch hieß, befreit.) So heirateten beide im Frankfurter Standesamt und gingen anschließend in eine Hamburgerbraterei, wo ihnen der Pächter die Getränke spendierte. „Die Sandwiches haben wir selber bezahlt. Wenn ich das jemandem erzähl, glaubt er, ich spinne. Das alles nur wegen einem Papier! Und so lebe ich jetzt legal hier! Für drei Jahre hab ich einen Stempel im Pass. Du kannst hier eigentlich nur als Betrüger leben. Alles ist falsch. Und ich bin hier auch falsch …“ Inzwischen ist Indira wieder geschieden, hat durch die Vermittlung eines Bekannten auch eine kleine Sozialwohnung erhalten und arbeitet als Sprachlehrerin für brasilianisches Portugiesisch privat und für eine renommierte Sprachenschule. Da es dort allerdings neuerdings arbeitsrechtliche Probleme gäbe, die die Entlohnung der meist freiberuflich Tätigen betrifft, erwägt sie einen Rückzug aus dieser.

Als sie einmal mit der Straßenbahn fuhr, habe ein Mann einen Herzinfarkt gehabt. „Ich wollte etwas machen. Ich hab sein Hemd aufgemacht und hab Herzmassage gemacht. Die Leute drum herum sagten zu mir: „Gehen Sie weg, vielleicht hat er eine Krankheit, und Sie stecken sich an!‘ […] Die lassen jemand neben sich sterben. Sie machen gar nichts. Denken nur: ‚Ich hab genug Probleme.‘“ Das sei es auch, weshalb sie nie Deutsche sein möchte, also eine Einbürgerung und die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen möchte: „Die Leute hier sind industrialisiert, sie sind Roboter. Ich versteh das nicht wie die Leute zu Kindern sind. Aber zu Hunden: Die sind gut! Ich hasse die Leute, wenn ich mir vorstelle: von dem Geld, was sie in einem Monat für einen Hund ausgeben, kann bei uns in Lateinamerika ein Kind ein Jahr lang leben. […] Meinem Vater hab ich einmal einen Brief geschrieben: „Deutschland, da ist alles sehr schön, ist alles sauber. Nur, wenn man auf die Straße geht, muss man aufpassen mit der Hundescheiße.“

Zum weiteren Unterschied zwischen Deutschland und Brasilien sagt sie: „Das ist der Unterschied zwischen Dritter und Erster Welt. Die Leute in meinem Land sind noch menschlich. Das ist noch stärker als hier. Hier sind die Menschen schon tot. Dort denken viele Leute: ‚Es ist besser zu sterben als Hunger zu haben.‘ In einem Moment — und dann sterben sie. Aber hier sterben sie jeden Tag. Jeden Tag. Das Leben hier geht nur nach der Uhr. Sonst nichts. Sie stehen pünktlich auf, sie essen pünktlich, sie schlafen pünktlich, sie haben Zeit zum Sexmachen, sie haben für alles Zeit — immer pünktlich. Das ist ein Tod-Leben. Das ist überhaupt kein Leben.“

(Siehe hier beispielsweise auch „Fremde“, „Heimat“ und „Ein Film wurde wahr“; und wer möchte, kann natürlich gern die eigene Geschichte als Kommentar veröffentlichen!)


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