Unser Globus

Die Weimarer Republik, Erich Kästner und unser Globus heute

Unser Globus befindet sich am Rande eines Abgrunds. Das war er auch zur Zeit der Weimarer Republik. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen. Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Oder war das ein Autor von heute, der unsere Zeit beschreibt?

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik, hier allerdings am Beispiel Griechenlands (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Unser Globus befindet sich in politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht am Rande eines Abgrunds. Das war auch zur Zeit der Weimarer Republik schon so, die von 1918 bis 1933 existierte. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen, als da etwa sind: wirtschaftliche Probleme, unsichere Arbeitsplätze, hohe Arbeitslosigkeit, Kluft zwischen Arm und Reich, Spaltung der linken Parteien bzw. eine kaum vorhandene Opposition, zu starker Reichspräsident („Ersatzkaiser“) resp. Bundespräsidentin und eine Verharmlosung von Rechtsextremismus durch die Justiz. Dazu kommen eine sexuell aufgeladene Atmosphäre mit Ausschweifungen, die an Dekadenz grenzten, besonders im Berlin Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre.

Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Wüsste man das nicht, man könnte seinen Text für hochaktuell halten. Die Gefahr eines Weltkriegs sah er entgegen vieler Interpretationen allerdings nicht, sondern er hatte Angst vor einem Bürgerkrieg. Doch lesen wir selbst:

»Der Staat unterstützt den unrentablen Großbesitz. Der Staat unterstützt die Schwerindustrie. Sie liefern ihre Produkte zu Verlustpreisen ins Ausland, aber sie verkauft sie innerhalb unserer Grenzen über dem Niveau des Weltmarkts. Die Rohmaterialien sind zu teuer; der Fabrikant drückt die Löhne; der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt; das Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das etwa konsequent? Hat der Wahnsinn etwa keine Methode? […]«
[…]
»Die Technik multipliziert die Produktion. Die Technik dezimiert das Arbeitsheer. Die Kaufkraft der Massen hat galoppierende Schwindsucht. In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden. In Frankreich jammern die Weinbauern, daß die Ernte zu gut sei. Stellen Sie sich das vor. Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und Andere haben nichts zu fressen! Wenn in so eine Welt kein Blitz fährt, dann können sich die historischen Witterungsverhältnisse begraben lassen.« […]
[…]
»Wenn das, was unser geschätzter Erdball heute leidet, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie hat die Paralyse. Und sicher ist Ihnen allen bekannt, daß dieser äußerst unerfreuliche Zustand mitsamt seinen Folgen nur durch eine Kur heilbar ist, bei der es um Leben und Tod geht. Was tut man mit unserem Globus? Man behandelt ihn mit Kamillentee. Alle wissen, daß dieses Getränk nur bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten und Tee trinken, denkt man, und so schreitet die öffentliche Gehirnerweichung fort, daß es eine Freude ist.«
[…]
»[…] Wir werden nicht daran zugrunde gehen, daß einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, daß andere besonders dämlich sind. Und nicht daran, daß einige von diesen und jenen mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligten zugrunde. Wir wollen, daß es sich ändert, aber wir wollen nicht, daß wir uns ändern. Wozu sind die andern da?, denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl. Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin Geld, wo wenig ist. Die Schieberei und das Zinszahlen nehmen kein Ende, und die Besserung nimmt keinen Anfang.«
[…]
»Der Blutkreislauf ist vergiftet« […] »Und wir begnügen uns damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der sich Entzündungen zeigen, ein Pflaster zu kleben. Kann man so eine Blutvergiftung heilen? Man kann es nicht. Der Patient geht eines Tages, über und über mit Pflastern beklebt, kaputt!«

(Erich Kästner im gestrichenen dritten Kapitel „Der Herr ohne Blinddarm“ aus: Der Gang vor die Hunde, zuerst veröffentlicht als: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, Berlin 1931. Dieses Kapitel und das hierin enthaltene Gespräch unter Journalisten in einer Weinstube, aus dem zitiert wurde, veröffentlichte Kästner außerhalb des Romans in: 30 neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa, herausgegeben von Wieland Herzfelde, Berlin 1932, ist aber auch in der Neuausgabe des Originals, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2013, im Anhang nachzulesen.)

[Nachtrag vom 12. März 2016: „Berlin ist nicht Weimar, auch wenn Extremisten es so darstellen. Die neuen Rechten benutzen gerne eine Alles-oder-Nichts-Rhetorik. Vor allem bei der AfD haben simple Gleichsetzungen System“, meint Christian Thomas im Beitrag „Politik der AfD: Ausnahmezustand für Deutschland“, Frankfurter Rundschau vom 5. Februar 2016. Siehe zur AfD hier auch „Eine Alternative für Deutschland?“]


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