Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (12)

Der Bundesnachrichtendienst BND — ein Kind der NS-Zeit

Dieser Tage wird viel über den Bundesnachrichtendienst gesprochen. Doch wussten Sie, dass dessen Ursprünge in der Zeit des Nationalsozialismus‘ liegen?

Der Bundesnachrichtendienst (BND), seine Verwicklung in die globale Überwachungs- und Spionageaffäre und seine Zusammenarbeit mit der National Security Agency (NSA) sind schon länger Thema der mehr oder weniger interessierten öffentlichen Wahrnehmung (siehe hier auch „Abhörskandal, war da was?“) und der mehr oder weniger gründlichen Aufarbeitung. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden, der die enge Zusammenarbeit zwischen NSA und BND und zugleich den Aspekt der Wirtschaftsspionage offenlegte (siehe hier auch „Ein Bett für Edward Snowden“), aber handfeste Affären um den BND gab es auch schon vorher! Zur zusätzlichen Aufklärung soll nun einmal über die Geschichte des BND, der tatsächlich ein direktes Kind aus der Zeit des Faschismus in Deutschland ist und dessen Wurzeln sogar bis in den Ersten Weltkrieg zurückreichen, berichtet werden.

Ein früher Vorläufer des BND: Fremde Heere Ost

Entstanden ist der BND aus der „Abteilung Fremde Heere“, einer im Ersten Weltkrieg eingerichteten Dienststelle zur Bewertung der Feindeslage. Sie wurde zwar nach dem Krieg offiziell aufgelöst, aber unter dem Tarnnamen „Heeresstatistische Abteilung“ als „Abteilung T 3“ des Truppenamtes der Reichswehr weiterbetrieben. 1931 erfolgte die offizielle Rückbenennung in Abteilung Fremde Heere. 1938 wiederum fand eine interne Umstrukturierung statt, die zur Aufteilung in zwei getrennte Abteilungen des Generalstabs, nämlich in „Fremde Heere West“ und in „Fremde Heere Ost“ (FHO) führte. Letztere wurde von 1942 bis April 1945 von dem Generalmajor der Wehrmacht und NSDAP-Mitglied Reinhard Gehlen geleitet und hatte die Aufgabe, durch ein Agentennetz im Feindgebiet und durch Folter von Kriegsgefangenen Informationen über die Sowjetunion zu sammeln und auszuwerten. Und Gehlens Karriere wiederum war, wie die vieler Nationalsozialisten, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Faschismus in Deutschland keineswegs zu Ende!

Reinhard Gehlen und seine Vorarbeit

Bundesarchiv Bild 183-27237-0001, Reinhard Gehlen

Reinhard Gehlen (Autor: Bundesarchiv)

Bereits ab Oktober 1944 plante Gehlen für die Zeit nach dem Krieg und dem Nationalsozialismus. Er entwickelte die Hypothese, dass sich die Westmächte eines Tages gegen den Verbündeten Sowjetunion wenden würden, was sich später als richtig erwies und schließlich zum Kalten Krieg führte. Gleichzeitig kam er zu dem Schluss, dass die USA die von ihm und seinen engsten Mitarbeitern vergrabenen Dokumente im Kampf gegen eine vermutete kommunistische Expansion benötigen würden. Sein weiterer (Hinter)gedanke war, sich selbst und seine Mitarbeiter vor der Gerichtsbarkeit der Alliierten und besonders vor der Auslieferung an die Sowjetunion zu schützen. Dabei kam ihm entgegen, dass die Westmächte dort selbst keine Agenten besaßen.

Der Vorläufer des BND: die Organisation Gehlen

Reinhard Gehlen 1945

Reinhard Gehlen in seiner Kriegsgefangenenakte 1945 (Autor: United States Army Signal Corps)

1945 schaffte das US-Militär diese Unterlagen ins Document Center nach Frankfurt-Höchst und entzog Gehlen und seine Mitstreiter einer Verhaftung. Im selben Jahr wurden sie in die USA geflogen und, wie andere Experten, unter anderen dem Raketenforscher Wernher von Braun und die Atomphysiker um Otto Hahn, dort zum Debriefing in Gewahrsam genommen. Schließlich wurde Gehlen im Juni 1946 zurück nach Deutschland und nach Camp King in Oberursel im Taunus, das ab 1945 als Kriegsgefangenenlager und der Nutzung durch den US-amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) diente, zurückgebracht.

Im Juli 1946 wurde vom US-amerikanischen Heeresnachrichtendienst G-2 Section die zunächst durch die USA finanzierte „Organisation Gehlen“ gegründet, deren Chef Gehlen zum Jahresende 1946 wurde. Dabei war es ihm gelungen, eine große Anzahl der noch lebenden Mitglieder seiner früheren Dienststelle, darunter viele ehemalige SS-, SD- und Gestapo-Offiziere, zu rekrutieren, auch weil sie in ihrer neuen Stellung mit einer neuen Identität versehen werden würden. Mit deren Hilfe schaffte er es schnell, die Organisation Gehlen zu professionalisieren.

Pullach und die CIA

Die US-Amerikaner betrieben den neuen Geheimdienst zunächst als Dienststelle der US-Armee. Ab dem 6. Dezember 1947 wurde die Organisation in der ehemaligen, von 1936 bis 1938 für die NS-Elite gebauten „Reichssiedlung Rudolf Heß“ in Pullach untergebracht, weil Camp King zu klein geworden und die Geheimhaltung hinter den hohen Mauern in Pullach besser zu gewährleisten war. Am 1. Juli 1949 übernahm die im Jahre 1947 gegründete Central Intelligence Agency (CIA) die Organisation Gehlen.

Reinhard Gehlen und der BND

CIA 689596 0002

CIA-Bericht von 1952 über die Gründungsgespräche des BND (Autor: CIA)

1951 begann in Deutschland die Diskussion über die Einrichtung eines oder mehrerer Nachrichtendienste auf Bundesebene. Am 1. April 1956 schließlich, gleichzeitig übrigens mit der Gründung der Bundeswehr, wurde die inzwischen mehrere Tausend Mitarbeiter zählende „US-Spionagefiliale“ der Organisation Gehlen in die Bundesrepublik Deutschland übernommen und erhielt den heutigen Namen „Bundesnachrichtendienst“. Pullach blieb Standort und Gehlen wurde deren erster Präsident — und blieb es bis 1968!

Er starb 1979 unbehelligt am Starnberger See. Vor seinem Tod soll er noch dem engsten Mitarbeiter des ehemaligen SS-Obersturmbannführers und während der Zeit des Nationalsozialismus‘ und des Zweiten Weltkriegs als Leiter des für die Organisation der Vertreibung, Deportation und Ermordung der Juden zuständigen Adolf Eichmann, dem in Israel und Österreich steckbrieflich gesuchten Alois Brunner, zur Flucht nach Syrien verholfen haben, zudem galt er als enger Freund von Gerhard Frey, Herausgeber der rechtsextremen National-Zeitung und Gründer und Vorsitzender der rechtsgerichteten, nationalistischen Kleinpartei Deutsche Volksunion (DVU).

Nachtrag vom 3. Juli 2015: Und da wir gerade bei überzeugten Nationalsozialisten sind, sollte hier nicht verschwiegen werden, dass auch der als „Schlächter von Lyon“ bekannte und lange Zeit als Kriegsverbrecher gesuchte Klaus Barbie von 1966 an für mindestens ein Jahr dem BND als Informant diente!

Fazit und weitere Verweise

Wer sich mehr für dieses Thema interessiert, dem sei beispielsweise der ungewohnt transparente BND-Artikel „Die Geschichte des BND“ empfohlen, und wenn wir heute, am 8. Mai, dem Ende des Zweiten Weltkriegs gedenken und die Befreiung von Faschismus und Krieg feiern, zeigt uns dieses Beispiel, dass diese verhängnisvolle Zeit keineswegs so lange vorüber ist, wie es manche Menschen glauben. Und wer weitere Beispiele dafür lesen mag, dem sei hier „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (10)“ und „Unser Globus“ ans Herz gelegt.

Wen interessiert, wie häufig rechtsextreme Einstellungen noch verbreitet sind, lese „Ausländer“ und „Der Nazi in uns“!


Lob, Kritik, Ergänzung, ...? Kommentieren!