Archiv der Kategorie Markt und Wirtschaft

Guerilla-Marketing

Vor Kurzem stolperte ich zum ersten Mal über den Begriff „Guerilla-Marketing“. Dabei dachte ich zunächst an im Untergrund agierende Marketing-Abteilungen, die ohne Wissen des obersten Chefs Kampagnen lancieren, an vermummte und mit Megaphonen ausgerüstete Werbefuzzis, die plötzlich während Konzert-, Theater- oder Filmveranstaltungen auftauchen und die Vorteile des neuen Superwaschmittels preisen oder gar Sendezentralen von Radio- oder Fernsehsendern überfallen und die Programmleiter zwingen Werbebotschaften auszustrahlen, die Autofahrer anhalten und ihnen die Vorzüge der Konkurrenzmarke erklären usw. „Werbung total“ sozusagen und nur echt aus dem Untergrund.

Ganz so schlimm ist es aber (noch) nicht, wie mich der Prospekt eines Seminaranbieters aufklärt, der hauptsächlich Kurse zu Verkaufsförderung anbietet. Danach ist Guerilla-Marketing „die kostengünstigste Form der Kundengewinnung“ und angeblich „in Amerika … das Geheimrezept erfolgreicher Unternehmen“. „Lokale Zeitungen und (ähem) Blogs berichten über Guerilla-Kampagnen“, die dann beispielsweise so aussehen: Eine Bäckerei, die nicht weiter auffällt, „macht plötzlich Wahlwerbung“ und ruft zum „Wahlkampf an der Kuchentheke auf: Welcher Kuchen ist am beliebtesten?“ „Ein Männermagazin nahm die Wirtschaftslaute zum Anlass und ließ drei Bodypainting-Models in den Farben Schwarz, Rot und Gold vor dem Berliner Reichstag posieren — mit dem Slogan: ‚Ab jetzt geht’s wieder aufwärts!‘“ Angeblich berichtete sogar eine angesehene Tageszeitung darüber.

Aha! Bevor ich also in Zukunft meine Brötchen oder mein Brot erhalte, wird mir zunächst ein Stimmzettel gereicht, den ich auszufüllen habe. Der Leiter eines Supermarkts läuft während meines Einkaufs neben mir her, befragt mich zu Produkten und Service und legt dabei unaufgefordert Waren in meinen Korb („Probieren Sie DAS doch mal!“). Beim Kauf von einem Paar Socken werden mir Filme vorgespielt, durch die ich mein Gehverhalten überprüfen soll („Also, bei DEM Hallux valgus in Verbindung mit Senk- und Spreizfuß gehen DIESE Socken aber mal gar nicht!“). Der Inhaber einer Reinigung kippt ein Glas Rotwein über mein Hemd, die Vorzüge seiner Wäscherei gegenüber der Konkurrenz hervorhebend („WIR kriegen das wieder raus, die da drüben bestimmt nicht!“). Während eines Theaterbesuchs entert plötzlich eine vermummte und Megaphonen ausgestattete Gruppe die Bühne und …

Faites vos jeux!

Eines Tages in Deutschland: Man stelle sich einmal vor, dass Angestellte einer Bankfiliale, denen gekündigt wurde, ihre Kasse leeren, indem sie Kunden mit Barschecks versorgen, Beschäftigte eines Supermarktes, der geschlossen werden soll, systematisch dessen Waren verbrauchen, Busfahrer an ihrem letzten Arbeitstag vor der Entlassung so lange durch die Stadt fahren, bis das Benzin zu Ende geht, arbeitslose Schauspieler eine Bühne besetzen und Texte aus sozialkritischen Stücken vortragen …

Alles nur geträumt? Nein, nicht ganz: vorhin im Radio gehört. Im Hörspiel „Faites vos jeux“ von Hannah Hofmann und Sven Lindholm, einer Produktion von Deutschlandradio Kultur 2009 unter der Regie der Autoren.

Wenn man die Meldung der Frankfurter Rundschau von 31. Juli 2009 liest, nach der amerikanische Banken, deren Rettung erst kürzlich durch staatliche Unterstützung gesichert wurde, schon wieder dazu übergegangen sind, Boni an ihre Manager auszuschütten (die teilweise die Summe der Unterstützung übertreffen!), stellt es doch eine echte Alternative dar, wenn Menschen gegen die Verhältnisse antreten, in deren Dienst sie stehen, indem sie die betriebsinternen Ressourcen erschöpfen oder zumindest zur Neige bringen, bevor man sie auf die Straße setzt!

Was muss eigentlich noch geschehen, bis die Betroffenen den Aufstand proben? Beispiele lassen sich doch bestimmt für jeden finden, dessen Arbeitsplatz bedroht ist! Machen Sie Ihr Spiel, faites vos jeux …

Cristiano Ronaldo und Karl-Gerhard Eick

Auf den ersten Blick mögen der portugiesische Fußballspieler und der Vorstandsvorsitzende von Arcandor nichts gemein haben. Oder etwa doch?

Florentino Pérez, der Präsident des spanischen Fußballvereins Real Madrid, ist bereit 80 Millionen Pfund (etwa 94 Millionen Euro) an den Verein Manchester United zu zahlen, damit Cristiano Ronaldo künftig für diesen spielt. Und zwar für ein Jahresgehalt von wahrscheinlich (der Vertrag muss noch ausgehandelt werden) 9 Millionen Euro netto. Pérez hat sogar noch Größeres vor: Insgesamt sollen 300 Millionen Euro für Transfers ausgegeben werden, was mit Spielerverkäufen und Krediten gedeckt werden soll. Nebenbei bemerkt: Nach einem kurzen Wirtschaftsaufschwung steigt die Arbeitslosigkeit in Spanien wieder; sie liegt derzeit bei etwa 4 Millionen Menschen.

Die Firma Arcandor ist pleite. Das hält Dr. Karl-Gerhard Eick nicht davon ab, auf die Erfüllung seines Fünf-Jahres-Vertrags zu bestehen, der ihm ein jährliches Grundgehalt von 2 Millionen Euro, eine „Variable“ von 1 Millionen Euro plus Erfolgsprämien zusichert, selbst wenn er früher aus dem Unternehmen scheidet. Das garantiert ihm der Hauptaktionär, das Bankhaus Sal. Oppenheim, auch im laufenden Insolvenzverfahren. Nebenbei bemerkt: Vor kurzem bekräftigte Eick in einem Interview mit der Bild-Zeitung, dass eine Rettung von Arcandor ohne staatliche Hilfen ausgeschlossen sei.

Bei der Arcandor-Tochter Karstadt, die im vorigen Geschäftsjahr einen Verlust von 272 Millionen Euro „erwirtschaftet“ hatte, haben die Angestellten freiwillig auf Teile ihres Gehalts verzichtet (eine einfache Verkäuferin etwa auf 100 Euro im Monat) und damit dem Konzern seit 2004 300 Millionen Euro Lohn geschenkt. Nebenbei bemerkt: Nicht nur deswegen schreibt Karstadt inzwischen wieder schwarze Zahlen.

Währenddessen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff, der schon vor seinem Einstieg bei Arcandor fünf Gebäude für überteuerte Mieten an Karstadt verpachtet haben soll. Auch gegen Eick sind mehrere Anzeigen wegen Insolvenzverschleppung eingegangen.

Cristiano Ronaldo kann, außer vielleicht, dass er gut Fußball spielt, nichts dafür, wenn jemand 94 Millionen Euro für seinen Vereinswechsel zahlt. Er ist damit ein (vorläufiger) Einzelfall. Dass er bei seinem neuen Verein nicht für weniger Gehalt als vorher spielen möchte, eint ihn mit Karl-Gerhard Eick, der nach seinem Vier-Jahres-Vertrag bei der Telekom schlau genug war, dass sein Vertrag mit Arcandor dieselbe, wenn nicht gar eine bessere Sicherheit bieten sollte, womit er allerdings keinen Einzelfall in der Management-Landschaft abgibt. Die Frage nach dem eigenen Gewissen, der Moral oder gar Ethik scheint sich jedoch wiederum für beide nicht zu stellen …

(Alle Fakten und Zahlen aus der Frankfurter Rundschau vom 13./14. Juni 2009, die allerdings die Zahlen von Eicks Bezügen von der Bild-Zeitung übernimmt.)

Ultimativer Finanzkreislauf

Und hier ist er – der optimale und ultimative Finanzkreislauf:

Es ist August, eine kleine Stadt an der Riviera, Hauptsaison, aber es regnet, die Stadt ist leer. Alle haben Schulden und leben auf Kredit.

Zum Glück betritt ein reicher Russe eines der Hotels. Er will ein Zimmer, legt 500 Euro auf den Tisch und geht, um sich das Zimmer anzusehen. Der Hotelchef nimmt das Geld und rennt zum Metzger, um seine Schulden zu begleichen. Dieser nimmt die Banknote und rennt zum Schweinezüchter, um seine Schulden zu regulieren. Dieser nimmt die 500 Euro und rennt zum Futterlieferanten, um seine Schulden zu reduzieren. Dieser nimmt das Geld und gibt es der Prostituierten, bei der er laufend auf Kredit war. Sie nimmt das Geld und rennt zum Hotelchef, um ihre Schulden für das Stundenzimmer zu bezahlen.

Genau in diesem Moment kommt der Russe zurück, sagt, das Zimmer gefalle ihm nicht, nimmt seine 500 Euro zurück und verlässt die Stadt.

Niemand hat etwas verdient, aber die ganze Stadt hat keine Schulden mehr und schaut plötzlich wieder völlig optimistisch in die Zukunft!

(Aus einem elektronischen Rundschreiben eines ehemaligen Torwartkollegen, inhaltlich und typografisch leicht bearbeitet. Erinnert einen das nicht an etwas?)

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