Einsamkeit und Alleinsein

Gemeinsam einsam und allein im Internet?

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(aus dem Gedicht von Rainer Maria Rilke: Herbsttag)

Einsamkeit sucht Gefährten und fragt nicht, wer es ist. Wer das nicht weiß, war nie einsam, sondern nur allein.

(aus Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Köln 1962)

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
[…]
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut!

(aus einem Gedicht von Wilhelm Busch aus: Zu guter Letzt, München 1904 u. 1.)

Der Zustand der Einsamkeit ist altbekannt: Schon seit der Antike haben sich Philosophen und Künstler mit ihr beschäftigt. Heutzutage ist Einsamkeit eher ein Thema für Mediziner, Soziologen und vor allem für Psychologen. Die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein, kennen viele, und das trotz der Möglichkeiten des Internets. Und es werden immer mehr. Was hat das Internet mit Vereinsamung zu tun? Wie geht es Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die Angst vor Nähe und vor Einsamkeit haben? Ist Einsamkeit überhaupt dasselbe wie Alleinsein?

Einsamkeit ist alt

Eleanor-Rigby-Statue in Liverpool

War sie einsam oder allein? Die Eleanor-Rigby-Statue in Liverpool (Autor: Johncons Erik Ribsskog/Wikimedia Commons)

„Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Die Sozialwissenschaften erblicken in Einsamkeit überwiegend eine Normabweichung und einen Mangel; die Geisteswissenschaften billigen der Einsamkeit auch positive Aspekte zu, im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die Gedanken ordnen oder Kreativität entwickeln bzw. fördern kann.“ So beginnt der Wikipedia-Artikel über Einsamkeit. Auf die Geschichte der Rezeption dieser „Empfindung“ geht er leider nicht ein, aber Einsamkeit ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Ob schon Adam und Eva einsam waren, weil sie keine Freunde hatten außer sich selbst — wie sollten sie auch? —, sei dahingestellt.

Später, seit der Antike, haben sich Philosophen und Künstler mit ihr beschäftigt und sie unterschiedlich bewertet. Heutzutage ist Einsamkeit eher zu einem Thema für Mediziner, Soziologen und vor allem für Psychologen geworden. Seit Adam und Eva sind wir viel mehr Menschen auf diesem Planeten und haben viel mehr Möglichkeiten, die Einsamkeit (und die Angst vor ihr) zu umgehen, doch es mehren sich die Anzeichen, dass wir einsamer sind als unsere Ahnen.

Alleinsein und Einsamkeit – und Borderliner

Um es vorwegzunehmen: Einsamkeit ist nicht mit dem Alleinsein gleichzusetzen. Während Letzteres ein zeitlich begrenzter und oft auch selbst gewählter Zustand ist, ist Einsamkeit ein Dauerzustand. „Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit“, soll Alfred Polgar gesagt haben, auch wenn ich es eher andersherum erklären würde. Die Definition von Bhagwan Shree Rajneesh (aus „Beziehungsdrama oder Liebesabenteuer“, Meinhard 1983) trifft den Unterschied am besten:

In Wörterbüchern sind „Einsamkeit“ und „Alleinsein“ gleichbedeutend — sie sind Synonyme — aber nicht im Leben. Einsamkeit ist ein Bewußtseinszustand, in dem man den anderen permanent vermißt. Alleinsein ist ein Zustand, in dem man immer glücklich mit sich selbst ist. Einsamkeit bedeutet ständige Sorge, immer etwas vermissen, hinter etwas her sein, etwas wollen.

Oft aber fühlen wir eine Angst sowohl vor dem einen als auch dem anderen Zustand — und vermengen damit den Inhalt. Wir flüchten in den Trubel — oder ins Internet. Man kann anderen inzwischen ein Burn-out-Syndrom gestehen, vielleicht auch ein Bore-Out, gar eine Depression oder eine andere psychische Störung, aber einsam zu sein? Nur im Internet ist das möglich, und wo viele einsam sind, ist niemand allein, sollte man meinen.

Apropos psychische Störungen: Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs, abgekürzt BPS) haben Angst vor Nähe und vor Einsamkeit zugleich. Mitunter panische Ängste! (Zu große) Nähe kann dem mühsam aufrecht gehaltenen Selbstbild sehr gefährlich werden, aber allein wollen sie auch nicht sein. So wird jede Beziehung, zweifelhaft und verzweifelt gesucht, mehr oder weniger aus Not, hervorgerufen durch die Angst vor der Einsamkeit eingegangen, früher oder später, meist früher, zerstört. Erkennen wir, die im Internet Dutzende von Blog-Einträgen, Status-Aktualisierungen, „Tweets“, Selbstporträts („Selfies“), Kommentaren usw. veröffentlichen und auf den hochgereckten „Gefällt mir“-Daumen klicken, manchmal oder oft sogar stündlich, wenigstens aber täglich, und den ganzen Tag mit einem mobilen Kommunikationsgerät in der Hand herumlaufen, um nur ja keine Reaktion auf die Posts, Status-Updates, Tweets, Selfies und Kommentare zu verpassen, uns hier nicht wieder: (fast schon krampfhaft) nach Nähe suchen, aber einsam bleiben?

Ich poste, also bin ich

Wir sind immer intensiver miteinander verbunden, aber dabei seltsamerweise immer häufiger alleine.

(aus Sherry Turkle: Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011; deutsch: Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012)

Mann hinter Klapprechner auf Bahnsteig

Der moderne Mensch, immer an einem Rechner (Microsoft Clip Art)

Das Verb „posten“ scheint zu einem Synonym für unsere Gesellschaft geworden zu sein: Ich poste, also bin ich! Selbst unsere tägliche Sprache ist aus dem Internet entlehnt: Kurzformeln, aus den Short Message Services (SMS) übernommen, geben stakkatohaft über unsere „Internetaffinität“ Auskunft. Nur bleibt dabei leider unsere Lebensaffinität auf der Strecke: „Wenn du all deine Energie in Facebook steckst, kannst du sie nicht in Dinge stecken, die tatsächlich funktionieren könnten“, schrieb ein anonymer US-amerikanischer Blogger namens „The Last Psychiatrist“. Und wer alles Interessante nur noch durch den Fokus der Kamera seines mobilen Kommunikationsgeräts sieht, um es für irgendjemanden zu dokumentieren und irgendwo hochzuladen, hat von dem Ereignis selbst nichts, weil es eben nur gefiltert wahrgenommen wird.

Auch wie beim Borderliner bleibt doch bei allem Tun, aller Internetaktivität eine gewisse Unverbindlichkeit. Das Netz ist anonym, und der Mensch hinter dem Bildschirm bleibt es meist auch, sowohl auf der einen als auf der anderen Seite. Ganz bei sich, sofern wir es denn wünschen, ist man oft noch nicht einmal während des Alleinseins. „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können“, schrieb Blaise Pascal in seinen „Gedanken“ schon im 17. Jahrhundert, und gar ein Jahrhundert früher Michel de Montaigne in „Von der Einsamkeit“: „Unter unseren alltäglichen Handlungen ist von tausend nicht eine, die uns angeht.“ Sätze, die heute gültiger erscheinen als zu der Zeit, als sie gedacht und verfasst wurden!

Einsamkeit hängt damit zusammen, nicht allein sein zu können. Ganz bei sich ist man nur in der Einsamkeit, die aber unter allen Umständen vermieden werden soll, genauso wie das Alleinsein. Dabei bedingt doch eins das andere!

Authentizität und Selbstverwirklichung

„Authentisch sein“ und „Selbstverwirklichung“ heißen andere Gebote dieser Zeit. Beides gerät aber im Zusammenleben mit anderen in einen Konflikt: Entfremden wir uns nicht von uns selbst, geben das, was wir als unser Ich bezeichnen, nicht auf, wenn wir uns einem oder mehreren anderen Menschen zu sehr nähern?

Auch das sind Verhaltensweisen und Gedanken wie bei Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung! Von vielen Psychologen übrigens schon als die psychische Krankheit des 20. Jahrhunderts bezeichnet, scheint sie auch das 21. einzunehmen. Und da wir gerade bei Vergleichen sind: Viele Borderliner gelten als sehr kreative Menschen (wenngleich in vieler Hinsicht aus purem Überlebenswillen: Die Kreativität dient, ähnlich wie die Improvisation bei armen Menschen im Süden der Erdkugel, dazu, den Alltag zu organisieren!). Und leben wir nicht auch in einem Zeitalter der „Kreativen“, in dem jeder gern ein Künstler ist oder wäre oder sich zumindest so sieht?

Die Möglichkeiten des Internets beflügeln geradezu die Kreativität, sie und sich selbst auszudrücken, aber das Internet und seine Anonymität bedeuten eben auch einen Verlust von Aufgehobenheit. Wir können dort zwar authentisch sein und uns selbst verwirklichen, im schlimmsten Fall — der gar nicht so selten ist, gar immer häufiger vorkommt! — sogar den Beleidiger, den Rüpel, den Stalker und Kriminellen in uns herauslassen, aber damit nur andere Beleidiger, Rüpel, Stalker und Kriminelle auf den Plan rufen!

Einsamkeit im Alter nimmt zu

Einsamkeit betrifft keineswegs nur junge und Menschen mittleren Alters. Nach einer Studie der American Association of Retired Persons (AARP) aus dem Jahre 2010 sind 35 Prozent der Über-45-Jährigen chronisch einsam. In Deutschland dürfte es ähnlich aussehen: Nach einer auf dem Statistik-Portal Statista veröffentlichten Umfrage „Wie sehr stimmen Sie persönlich der Aussage ‚Ich fühle mich oft einsam.‘ zu?“, die allerdings keine Altersangaben nennt, antworteten immerhin 15,3 Prozent mit „stimmt eher“, 7,6 Prozent mit „stimmt ganz und gar“ und 0,7 Prozent wollten keine Angaben machen. Man darf vermuten, dass unter der überwiegenden Mehrheit, die „ganz und gar nicht“ oder „eher nicht“ zustimmt, und unter denen ohne Angabe eine „Dunkelziffer“ von Menschen steckt, die den Gedanken, dass sie einsam sein könnten, weit von sich weisen würden.

Und man darf weiterhin vermuten, dass die Anzahl der einsamen Alten noch zunehmen wird, denn die steigende Altersarmut trägt keineswegs dazu bei, ein geselliges Leben führen zu können — was, nebenbei bemerkt, auch auf Arbeitslose zutrifft, die ebenso stark von Vereinsamung bedroht sind. Und irgendwann wächst die jetzige Generation der „digitalisierten“ Einsamen nach. Wie sangen schon The Beatles in „Eleanor Rigby“, einem Lied, das den Zustand der Einsamkeit so treffend beschreibt: „Ah, look at all the lonely people“ …

Gesundheit und Abhilfe

Dass Einsamkeit auch gesundheitliche Probleme hervorruft, dürfte außer Frage stehen. Sie schlägt u. a., welche Ironie, auf das Herz! Einsamkeit tötet (früher), lässt sich mit Fug und Recht behaupten. Aber was hilft gegen Einsamkeit? Eine Beziehung? Freunde? Geselligkeit? Doch auch eine gesellige Runde unter Arbeitskollegen oder Freunden, eine Beziehung oder gar eine Ehe, selbst die Liebe kann einen nicht vor Einsamkeit schützen.

Was uns helfen kann, ist Verbundenheit. In diesem Wort steckt „verbinden“, womit keine Internetverbindung gemeint ist! Verbundenheit ist Anteilnahme am Leben anderer, das über reines Interesse hinausgeht, und kann am ehesten über eine andere Person hergestellt werden. Das setzt allerdings voraus, dass die Außenwelt für unsere Innenwelt auch erreichbar sein muss, und das ungefiltert durch digitale Medien! Und, so paradox es klingen mag, über und durch das Alleinsein, das Allein-sein-Können!

Alleinsein – müssen ist das Schwerste, Alleinsein – können das Schönste.

(aus Hans Krailsheimer: Kein Ausweg ist auch einer, München 1954)

Oder, um es noch einmal mit Bhagwan zu sagen:

Wenn du einsam bist, bist du aus deinem Zentrum herausgefallen; wenn du allein bist, bist du tief mit deinem Zentrum verwurzelt.

„Es ist ein herrlich Ding um die Einsamkeit! Aber wir brauchen immer ein Wesen, dem wir sagen können: ‚Es ist ein herrlich Ding um die Einsamkeit!‘“ schrieb der Dichter Friedrich von Matthisson 1832. Oder, um es mit Goethe aus einem seiner Briefe an Charlotte von Stein zu sagen: „Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.“ Ob er hier allerdings um den Unterschied zwischen der Einsamkeit und dem Alleinsein gewusst oder die Begriffe synonym verwendet hat, wissen wir nicht. Aber wann haben wir eigentlich zuletzt einen Brief oder wenigstens eine Karte geschrieben?

Können wir das überhaupt noch?

Verweise zum Thema:
DIE WELT: Was Alleinsein von Einsamkeit unterscheidet
DIE WELT: Warum man trotz vieler Freunde einsam sein kann
Umfrage auf Statista: Häufige Einsamkeit — Zustimmung
Malte Welding: Epidemie der Einsamkeit mit weiteren Verweisen
Berliner Zeitung (über das Internet Archive): Leben in Zeiten von Facebook: Gemeinsam allein im Internet
Das Single-Dasein: Thema des Monats: Einsamkeit. Single-Haushalte und die Fröste der Freiheit
AARP: Loneliness among Older Adults: A National Survey of Adults 45+ (PDF, 393,1 KB, englisch)
Johannes Bannwitz: Emotionale und soziale Einsamkeit im Alter. Eine empirische Analyse mit dem Alterssurvey 2002 (Diplomarbeit im Fach Soziologie, PDF, 1,5 MB)
The Last Psychiatrist: A Generational Pathology: Narcissism Is Not Grandiosity (englisch)
Ronalds Notizen: Zwitschern
Ronalds Notizen: Bin gut angekommen
Ronalds Notizen: Ich bin drin!
Ronalds Notizen: 140 Zeichen (13)


Kommentare

Einsamkeit und Alleinsein — 5 Kommentare

  1. Guter Artikel!

    Gewisse Depressions- und Borderline-Tendenzen habe ich wohl auch, aber nach meiner eigenen Einschätzung nur sehr leicht, noch nicht krankhaft und behandlungsbedürftig,

    Das mit Facebook und anderen Online-Communities ist schon ein beängstigendes Phänomen. Ich habe diese ganzen Dienste weitgehend gekappt, aus Facebook kann ich nicht ganz raus (aus beruflichen Gründen), halte mich dort aber schon längst nicht mehr regelmäßig auf.

    Im Sommer mit Freunden Waldspaziergänge zu machen, das war das echte Leben. Fuck Facebook!

    • Mit Selbstdiagnosen sollte man sehr vorsichtig sein, und wie sehr die Arbeitswelt und ihre oftmals negativen Auswirkungen wie Konkurrenzkampf, Angst vor Entlassungen und die Ellbogenmentalität ebenso zu Vereinsamung beitragen kann, ist eine ganz andere Problematik! Aber „das war das echte Leben“? Jetzt nicht mehr?

      Kürzlich gefunden:
      Felix […]: Habe gelesen Facebook klaut uns alle Daten! Gibts irgendeine Alternative zu Facebook um sich mit seinen Freunden zu unterhalten?
      Eugen […]: Versuch mal in echt mit ihnen zu kommunizieren
      Felix […]: Hab nach „echt“ gegoogelt, aber nichts gefunden. Kannst du mir ne Adresse sagen?
      (Aus Nenad Marjanovic, Manuel Iber: geaddet, gepostet, WEBFAIL! Die peinlichsten und lustigsten Facebook-Dialoge, München)

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