Ronalds Notizen

Samstag, 17. September 2011

Die Party

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 22:00

(Sommersonnenwende, neunter Teil)

Er gehörte noch nie zu denen, die zu den ersten Gästen einer Party zählten. Oder er kam früh und ging, als die Gäste zu tanzen begannen. „Nein, zum Tanzen mußte man Fähigkeiten mitbringen, die mir vollkommen fehlten: Fröhlichkeit, Unschuld, Leichtsinn, Schwung“, fällt ihm wieder aus Hesses „Steppenwolf“ ein.

Am liebsten saß oder stand er die ganze Party über in der Küche, wenn es dort genügend Platz und Stühle gab. Hier kam jeder immer wieder mal vorbei, man lernte so eigentlich alle kennen. Gespräche ergeben sich leichter an diesem Ort, hatte er oft festgestellt. Eine Küche scheint Familialität auszustrahlen, man gab sich natürlicher als in einem anderen Raum mit einem Getränk in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand.

Ihm fällt eine Party seiner Klasse, mit der er auf Klassenfahrt im Salzburger Land war, im Keller des Schulheims ein. Es war am vorletzten Abend. Gleich am ersten Abend hatte er das dänische Au-pair-Mädchen Lis kennengelernt, das dort arbeitete, doch bereits einen Tag später hatte sie ihm ein Klassenkamerad ausgespannt. Am Abend der Party tanzte er eng mit ihr und nahm gar nicht wahr, dass ihn alle böse ansahen und tuschelten. Danach machten sie ihn darauf aufmerksam, welchen Fauxpas er damit begangen hatte, mit der Freundin seines Klassenkameraden Reinhard zu tanzen, und dass jetzt wohl Prügel von jenem anstanden. Jener nahm es jedoch gelassen, schließlich war jener es, der schon am zweiten Tag welche verdient gehabt hätte, wenn er damals dieselben Maßstäbe angelegt (und sich getraut) hätte! Zu jener Zeit konnte er wenigstens noch tanzen …

Und, oh ja, sein erster Suff! Connie, einen Kopf größer als er und seine erste größere Liebe, hatte zu ihrem siebzehnten Geburtstag in den Schrebergarten ihrer Eltern eingeladen. Diese kontrollierten vorher alle Flaschen, damit nur kein Alkohol verzehrt werden würde, doch der Einfallsreichtum kannte keine Grenzen, um einige harte Getränke einzuschmuggeln — Bierkästen wären zu auffällig gewesen. Dort geschah nicht nur sein erster Kuss, der sich allerdings nur als ein Kuss auf die Wange herausstellte, wie sie ihm kurz darauf schrieb, sondern auch sein erstes Besäufnis. Wie er nach Hause gekommen war, daran konnte er sich nur noch dunkel erinnern, an die Tracht Prügel seines Vaters umso mehr!

Und an eine Geburtstagsparty bei einer englischen Germanistikstudentin, die in der Deutschen Bibliothek eine Art praktisches Jahr absolvierte oder an einen Austausch teilnahm. Jung waren sie damals und nur zu zweit, weil sie außer ihm und ihren Arbeitskollegen noch niemanden kennengelernt hatte. Ruth hieß sie, sie saßen nebeneinander auf ihrem Bett in ihrem kleinen Zimmer, das sie zur Untermiete hatte. Ihre Vermieter waren nicht da, und sie hatte ihn in ihren Anorak gewickelt, weil es kühl in ihrem Zimmer war, zeichnete ihn zunächst (sehr gelungen, wie er fand), dann hielt sie ihn in ihrem Arm, streichelte und küsste ihn. Ein andermal, Jahre später, saß er mit seiner langjährigen guten Freundin und damaligen Klassenkameradin des Abendgymnasiums Angelika in deren kleinem Zimmer, das auch sie derzeit zur Untermiete genommen, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, auf ihrem Bett und hörte Musik, als sie beschloss, ihm zu seinem Geburtstag einen unendlich langen Zungenkuss zu schenken, was auch nur ansatzweise bisher nie geschehen war. Und dabei blieb es auch! Irgendwie unschuldige Zeiten, findet er, Generationen von seiner jetzigen entfernt …

So betritt er das Haus, das sich als ein Hinterhaus mit einer Kneipe im Erdgeschoss entpuppt, mit einem unsicheren Gefühl. Es war spät geworden, die Party längst in vollem Gang. Eine gewisse Nervosität breitet sich in ihm aus, zumal er schon lange nicht mehr eingeladen worden war. Außerdem kann er den Satz „muss Nutte sein“ nicht vergessen, er hallt in seinem Kopf hin und her. Zusammen mit der Wirkung des Haschischs eine seltsame Mischung! Wollen doch mal sehen, ob daran etwas wahr ist!

Sie hatte anscheinend das Lokal für ihre Wintersonnenwende- und Vollmondfeier gewählt, flache, verwinkelte Räume einer fast souterrainartigen Gaststätte. Nach einer Stufe nach unten geht es rechts in einen niedrigen Raum mit dem Tresen und ein paar Tischen, geradeaus führt, nach wenigen Stufen nach oben und an einer kleinen Küche auf der einen und den Toiletten auf der anderen Seite vorbei, ein schmaler Gang in einen größeren, höher gelegenen Saal, aus dem Musik dringt. Überall stehen und sitzen Leute herum. Ob alles ihre Gäste sind oder Kneipenbesucher, erschließt sich ihm nicht. Er beschließt, sich am Tresen erst einmal ein Glas Wein zu holen. Dort bemerkt er, dass diesem Raum noch ein weiterer, etwas größerer angeschlossen ist, in dem nur Kerzen brennen.

Der Wirt, ein großer, kräftiger, leicht bauchiger Kerl mit langem grauen, zu einem Pferdeschwanz gebundenem Haar, unterbricht seine Unterhaltung mit einer rothaarigen, bemerkenswert schönen Frau und fragt: „Na, Meesta, wat darf et denn sein?“ Und fügt, als er sein Starren auf sie bemerkt, noch an: „Da kiekste, wa? Hat et wohl nötig? Aba die steht nich uff de Karte!“

Er beschließt, ruhig zu bleiben — Haschisch macht geduldig —, und auf die Frage nach einem guten spanischen Rotwein antwortet der Wirt nicht etwa mit dem schon fast zu erwartenden „Hamm wa nich!“ oder wenigstens mit „Ick wüssde wohl, welchen ick jut finden würde, wenn ick eenen wollde, aba du nich!“, worauf er sich in das tiefste Berlin versetzt gefühlt hätte, sondern mit „Rioja oda Navarra, Meesta?“, was ihn gleich etwas sympathischer erscheinen lässt. Er bestellt Letzteren und schaut sich um.

(Fortsetzung folgt.)

Freitag, 12. August 2011

Der Joint

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 2:05

oder Muss Nutte sein

(Sommersonnenwende, achter Teil)

Zwei dunkel und in ihren Augen mit protzigen Sporthosen und -schuhen, Kapuzenpullovern und Bomberjacken modisch gekleidete junge Männer hocken auf den Resten einer Mauer, die etwas versteckt vor einer mit Gestrüpp und kleineren Bäumen bewachsenen Brachfläche von einem Abrisshaus übrig geblieben war. Er hatte sie vorher nicht bemerkt. Da es nicht unbedingt nach einem Raubüberfall aussieht und er seinen Mitmenschen zunächst vertraut, auch wenn sie in Welten leben, die nicht nur Generationen von seiner trennt, tritt er auf sie zu und hält ihnen seine flache Zigarettenpackung mit der im Rauch tanzenden Zigeunerin hin. Davon werden sie vermutlich umkippen, denkt er sich schmunzelnd.

Da bemerkt er, dass der eine mehrere zusammengeklebte Zigarettenpapierchen in der einen und etwas anderes versteckt in der anderen Hand hält. Sie wollen sich einen Joint bauen und brauchen eine leichte Zigarette; seine wären eindeutig viel zu stark dafür! Während der eine schon zugreifen will, macht er sie darauf aufmerksam.

„Ich mache euch einen Vorschlag: Ich hole hier irgendwo leichte Zigaretten und ihr lasst mich mal einen Zug mitziehen.“

„Cool, Alter!“, antwortet einer von ihnen.

Nachdem sie ihm erklärten, wo in der Nähe eventuell noch eine Trinkhalle offen ist und wo es eventuell noch einen Zigarettenautomaten gibt, macht er sich auf den Weg. Die beiden Jungs folgen ihm in einigem Abstand, über irgendetwas Witze machend (möglicherweise sogar über ihn, aber das nahm er in Kauf), gelegentlich laut lachend und sich abklatschend.

Schließlich finden sie tatsächlich noch eine Trinkhalle, die zu dieser inzwischen schon späteren Zeit des Abends noch aufhat. Einige trunkene Gestalten, darunter eine Frau, deren Alter schwer einzuschätzen ist und die einmal gut ausgesehen haben muss, lungern noch um sie herum, leicht erkennbar als ursprüngliche Bewohner dieser Gegend, die durch die neuen immer mehr aufs Abstellgleis geschoben werden. Sie wollen ihm den Platz vor dem Verkaufsfenster zunächst nicht freimachen, weil sie glauben, dass er zu denen gehört, die hier die Mieten in die Höhe treiben, und zudem keineswegs nüchtern und, dadurch beflügelt, äußerst misstrauisch bis aggressiv sind. Hier bahnen sich noch soziale Konflikte an, mutmaßt er.

Nachdem der Inhaber ein Machtwort gesprochen hat, schließlich will er sich das zu erwartende Geschäft nicht vermiesen lassen, bestellt eine leichte Zigarettenmarke und fragt die beiden Jungs, ob sie etwas zu trinken haben wollen. Mit einem erneuten „Cool, Alter“ entscheiden sie sich für Cola. Er bestellt sich ein Bier. Dann verziehen sie sich auf eine Bank in einer kleinen Grünanlage hinter dem Kiosk.

Er verspürt immense Lust, wieder einmal etwas zu rauchen. Der süßlich-schwere Geruch steigt ihm beim Anzünden des Joints sofort in die Nase. Schon nach den ersten beiden Zügen merkt er, wie eine wohlige, wattige Nebelbank von seinem Kopf Besitz ergreift. Er wird ruhiger, gelassener, während die beiden so tun, als würden sie nichts von der Wirkung merken: Sie scherzen weiter, klatschen sich hin und wieder ab. Reines Jungmännergehabe, denkt er, sie wollen sich nichts anmerken lassen. Worüber sie sich (gedämpft, zum Glück!) unterhalten, interessiert ihn weniger.

Dem Rausch des Haschischs oder des Marihuanas hatte er, seitdem er ihn die ersten Male genossen hatte, immer lieber hingegeben als dem des Alkohols. Nach einer Phase eines zeitweiligen Alkoholismus mit einem Überkonsum, den er sich selbst natürlich nie eingestanden und der ihn fast an einen körperlichen und geistigen Abgrund geführt hatte, war ihm der Verzehr dessen fast schon zuwider geworden, und er trank nun zwar noch regelmäßig, aber mäßig. Wie anders doch dagegen das Kiffen: Während man durch die Wirkung übermäßigen Alkoholkonsums geradezu aus seinem Körper entfleucht, sich quasi in jemand anderen wandelt, indem man etwa draufgängerischer, enthemmter wird, so bleibt man im Haschischrausch doch stets bei sich; er ändert einen nicht, sondern führt einen im Gegenteil zu sich selbst, allerdings auch zu seinen Seufzern, Schwankungen und Ängsten! „Man glaubt sich einer Sühne unterworfen“, meint er bei Baudelaire gelesen zu haben. Und: Man kann so viel trinken, bis man in ein Delirium fällt, gar der Tod eintritt, doch es gibt kaum eine Steigerung nach dem Genuss von Cannabis! Aber: „Er steigert die Phantasie und die Genialität, aber auch die Unmöglichkeit, diese einzusetzen“, wie es so ähnlich auch Baudelaire ausdrückte, und aus diesem Grund (und weil er keinen regelmäßigen Lieferanten mehr gefunden hatte) gab er sich diesem Genuss auch nur noch sehr selten hin, doch wenn, dann umso mehr.

Als sie ihn fragen, was er in dieser Gegend macht, ob er hier wohne, hört er es zunächst nicht. Erst als er ein „Ey, Alter, isch glaub’, der is’ bekifft!“ und ein Lachen der beiden Jungs hört, die sich darauf erneut abklatschen, dämmert ihm, dass sie nur ihn meinen können. Langsam kommt ihm wieder zu Bewusstsein, weshalb er überhaupt hier gelandet ist: Er hat eine Einladung zu einer Party seiner Bekanntschaft, die er plötzlich sehr vermisst! Durch den beginnenden Rausch etwas mundfaul geworden, erzählt er es ihnen.

„Alter, ey, isch glaub’, die is’ ’ne Nutte!“

Nachdem er erzählte, dass sie Bibliothekarin ist, und sich vergewissert hat, dass sie dieselbe Frau meinen, ergänzt der andere: „Ja, Alter, kommt und geht immer mit andere Mann. Muss Nutte sein …“

(Fortsetzung: Die Party)

Donnerstag, 16. Juni 2011

Austausch

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen, Sprache und Austausch — Ronald @ 22:43

Ruf mich doch mit deinem Handy an
aus Neuss und Neuengamme
Kündige deinen Besuch mir an
sonst wird mir angst und bange

Schreib mir doch eine Karte mal
aus Oestrich, Övelgönne
und teil mir mit so einfach mal
ob ich dich sehen könne

Verfass mir eine E-Mail doch
aus Haßfurt oder List
Ich pfeife aus dem letzten Loch
wenn du nicht zu Hause bist

Erreichen tut mich auch ein Fax
aus Starnberg oder Stade
Es gibt mir schon ein’ Knacks
dass ich so Sehnsucht habe

Bereist du auch den Nordpol gar
das Sauerland, die Rhön
schreib hier einen Kommentar
Ich freu mich, o wie schön

Und wenn du gar den Mond bereist
den Mars und Bielefeld
Ich hoff du bist nicht zugeeist
und hast noch etwas Geld

Doch wenn du nun beim Nachbarn weilst
so schieß ich dich dorthin
für das, was du mir angedeihst
und er kriegt was aufs Kinn

Austausch ist das A und O
das weiß ich so wie du
doch wenn du meinst, dem sei nicht so
dann lass mir meine Ruh’

Sonntag, 29. Mai 2011

ein kommen und gehen

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 18:36

ja
ja geh
ja geh doch
ja geh doch bald
ja geh doch bald schon
ja geh doch bald schon weg
denn bald schon
kommst du wieder

nein
nein komm
nein komm nicht
nein komm nicht bald
nein komm nicht bald schon
nein komm nicht bald schon her
denn bald schon
gehst du wieder

Donnerstag, 19. Mai 2011

Wintersonnenwende

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 9:28

(Sommersonnenwende, siebter Teil)

Wintersonnenwende, denkt er, als er durch die bedeckte Vollmondnacht geht. Die Sonne hat die geringste Mittagshöhe über dem Horizont erreicht, die Tage werden wieder länger.

Nachdem er im Verhältnis zu seinen sonstigen Kleidungsgewohnheiten ungewöhnlich lange überlegt hatte, was er anziehen sollte (heute durfte es doch mal wieder der Sakko mit passender Weste und ein gutes Hemd sein), gönnte er sich noch einen kleinen Imbiss als Grundlage und ein gutes Glas Rotwein.

Danach hatte er sich ein Taxi bestellt, aber während der Fahrt beschlossen, sich nicht bis zur angegebenen Adresse fahren zu lassen, sondern schon vorher auszusteigen und noch ein wenig die Vollmondnacht zu genießen, auch wenn der Himmel bewölkt war und sich der Mond nur hin und wieder zwischen den Wolken zeigte.

Sie wohnt anscheinend in einer Gegend, in die es ihn selten gezogen hat. Oder nie. Ein Stadtteil, der früher ein typisches Arbeiterviertel war und der inzwischen angefangen hat, „hip“ zu werden, wie er gehört hatte und jetzt selbst sehen kann: frisch verputzte und sanierte Häuser, vor denen der eine und andere teure Wagen steht, darunter oft ein „Hausfrauenpanzer“, wie er diese für eine Stadt völlig unpassenden und stets pieksauberen Geländewagen nennt, die meist von verheirateten Frauen gefahren wurden, um damit ihre Kinder von der Schule abzuholen und Biolebensmittel einzukaufen. Irgendwie lächerlich …

Zwischen den sanierten Häusern gibt es jedoch immer wieder solche, die sicher seit Jahrzehnten nicht mehr gestrichen worden waren, mit alten Holzfenstern, an deren Rahmen kaum mehr Farbe zu erkennen ist, nicht nur wegen der Dunkelheit. In manchen Straßen stehen noch diese alten Bogenlampen mit den grünen Masten, die an Gaslampen erinnern und um diese Uhrzeit reduziert und trüb brennen. Und am Himmel zeigt sich inzwischen immer öfter der Vollmond, der die Wintersonnenwende in diesem Jahr zu einem fast schon magischen Erlebnis werden lässt.

Er freut sich langsam auch auf die Wiederbegegnung mit seiner Bekanntschaft, wenngleich die Unsicherheit und eine gewisse Nervosität in ihm noch die Oberhand haben. Inzwischen musste er schon ziemlich in der Nähe der auf der Einladung angegebenen Adresse sein.

Plötzlich hört er eine Stimme hinter sich.

„Eyalderhastemanekippe?“, nuschelt es von schräg hinter ihm.

(Fortsetzung: Der Joint oder Muss Nutte sein)

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