Archiv der Kategorie Liebe und Beziehungen
Ein dummes Mädchen lieben
Freitag, 16. Juli 2010 von Ronald.
(Sommersonnenwende, vierter Teil)
„Und Sie suchen jetzt auch jemanden, der Sie eines Tages umbringt?“ fragt er sie, nachdem er von seiner Rauchpause zurückgekehrt war.
Sie hatte sich inzwischen einem Mann zugewandt, der auf der anderen Seite ihres Hockers saß, was ihm einen kleinen Stich in der Herzgegend verursacht, wie er bemerkt. Aber nachdem er wieder an seinem Platz ist, wendet sie sich wieder ihm zu, was er ebenso feststellt.
„Eigentlich nicht“, antwortet sie, „eher jemanden für das Gegenteil.“
„Aha. Und was wäre das Gegenteil?“
„Das Leben. Außerdem bin ich nicht in dem Gewerbe, in dem Hermine tätig ist. Oder diese Maria“, fügt sie an.
„Ah, Hermine war also in einem ‚Gewerbe‘ tätig! Und in welchem?“
„Dem horizontalen. Sie waren zwar das, was man damals ‚Lebedamen‘ nannte, aber in gewissem Sinn auch Prostitution darstellt. Was auf mich nicht zutrifft.“
„Und … äh … welches ‚Gewerbe‘ trifft auf Sie zu?“
„Was glauben Sie denn?“ zwinkert sie ihm zu.
Nachdem sie ihm erzählte, dass sie zwar Literaturwissenschaftlerin ist, aber „nur in einer Bibliothek“ arbeitet, hätte er sich erneut beinah verschluckt. Ein dummes Mädchen lieben, fällt es ihm erneut aus Hesses „Steppenwolf“ ein: „… und völlig unmöglich hätte es mir geschienen, ein Mädchen länger als eine Stunde zu lieben, das kaum ein Buch gelesen hatte, kaum wußte, was lesen ist, und einen Tschaikowsky von einem Beethoven nicht hätte unterscheiden können.“ Diesmal zitiert er es laut.
„Sie haben einen vorherigen Teil des Satzes vergessen, der da unter anderem lautet: ‚… ich brachte meine Probleme und Gedanken zu den Frauen mit …‘!“
„Sie scheinen mit Ihrem Buch weiter zu sein, als es scheint“, kontert er mit einem sarkastischen Unterton, einem Zeig auf den „Steppenwolf“ vor ihr und ohne auf ihre Antwort einzugehen. Zweimal „scheinen“, fällt ihm auf: welch schlechter Stil …
„Fühlen Sie sich etwa angesprochen?“ kontert wiederum sie, und er meint erneut, den Schalk in ihren Augen zu sehen, wenn nicht gar Belustigung — über ihn!
„Sie machen sich lustig!“ antwortet er mit gespielter Empörung. Doch irgendwie und irgendwo hatte sie ihn auch getroffen.
Er beschließt, diese Bekanntschaft zunächst auf sich beruhen zu lassen, und bestellt zum Abschluss noch einen spanischen Branntwein und die Rechnung. „Wollen Sie auch einen?“ fällt ihm ein sie zu fragen.
„Ergreifen Sie etwa die Flucht, jetzt, da es interessant wird?“
(Fortsetzung folgt)
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Como dizer “quero te conhecer” …
Mittwoch, 19. Mai 2010 von Ronald.
Não pergunte as horas
Pergunte o sentido da vida
O que ele sente
E se duvida
Da existência da felicidade
Pergunte se ele gosta
De andar na areia no fim da tarde
Se lê Rimbaud
E se gosta de samba
Pergunte a ele o que achou
Da última exposição no MAM
E o que acha do seu sorriso
Se gostaria de acompanhá-la
Em uma viagem sem destino pelo litoral
Até a cidade de Canoa Quebrada
Que é uma “vila” de pescadores no Ceará
Onde a gente esquece o tempo
E que por isso você não perguntou as horas
(Aus einem handgedruckten Kalender, den angehende Künstler/-innen in Salvador da Bahia, Brasilien — oder war es Rio de Janeiro? — auf der Straße verkauften, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Jede/r hatte ein Kalenderblatt zur freien Gestaltung. Dies stammte, soweit ich mich erinnere, von einer Ballettschülerin. Die Übersetzung:
Wie jemandem sagen: „Ich möchte dich kennenlernen“
Frage nicht nach der Uhrzeit. Frage nach dem Lebensgefühl, wie er sich fühlt und ob er an der Existenz des Glücks zweifelt. Frage, ob er es mag, am späten Nachmittag am Strand entlangzugehen, ob er Rimbaud gelesen hat und ob er Samba mag. Frage ihn, wie er die letzte Ausstellung im Museum für Moderne Kunst gefunden hat und wie er dein Lächeln findet, ob er es mögen würde, dich auf eine Reise ohne Ziel an der Küste entlang zu begleiten, bis zur Stadt Canoa Quebrada, das ein Fischerdorf in Ceará ist, wo man die Zeit vergisst und weswegen du auch nicht nach der Uhrzeit fragtest.
Eine fast identische Version fand ich auch unter CAIXA DE PALAVRAS: COMO DIZER “QUERO TE CONHECER”. Und eine Galeria de fotos de Canoa Quebrada, wo es mir auch gefallen könnte …)
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Lass es frei!
Mittwoch, 6. Januar 2010 von Ronald.
Es gibt Sätze, die wir einmal lesen und dann nie wieder vergessen. Und mehr noch: Sie können geeignet sein, uns ein ganzes Leben lang zu begleiten und dieses sogar zu beeinflussen!
Im alten und ersten Kulturzentrum „Fabrik“ in Hamburg gab es vor dem Brand 1977 eine Pinnwand, auf der jeder Zettel mit irgendwelchen Nachrichten oder Sprüchen anbringen konnte. (Ausschnitt aus einem interaktiven Bild von Hamburger Jung auf Flickr vom 13. Januar 2009, dort irgendwo im Hintergrund müsste diese Pinnwand früher gewesen sein; zum Vergrößern bitte anklicken!)
Unter den vielen Sprüchen, die dort hingen, hat mich einer bis heute nicht verlassen. Es kursieren verschiedene Versionen dieses inzwischen geflügelten Worts, ein einfacheres Sprichwort soll auf Konfuzius zurückgehen. Ich verlasse mich auf meine Erinnerungen:
Wenn du etwas liebst, lass es frei!
Kommt es zurück, ist es dir.
Kommt es nicht zurück, war es nie gewesen.
In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr all meinen Leserinnen und Lesern!
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Verlangen
Freitag, 25. Dezember 2009 von Ronald.
Mein Auge sieht sie noch vor mir,
die Jacke auf dem Gang,
träum’ Träume immerfort von ihr
und keiner weiß, wie lang.
Büro gestrichen hätte ich
mit Rosa, Himmelblau,
und kenn’ doch ihren Namen nicht,
weiß nichts von dieser Frau.
Die Stimme klingt mir noch im Ohr,
ihr Lächeln schaut mich an.
Geliebt wär sie wie nie zuvor
und ich so gern ihr Mann.
Ein Zettel war’s und klein dafür
mit Gruß und Name drauf,
doch fand sie ihn vor ihrer Tür
und hebt ihn auch noch auf?
Verlangen hat hier viel Figur
und Blicke voller Heiterkeit.
Verlangen ist es ohne Kur,
geheilt nur von der Zeit.
Verlangen ist es, Wünsche pur,
ein Hafen für die Sinnlichkeit.
Ein Sehn, ein Wort, die Stimme nur
wär’n Liebe für die Ewigkeit.
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Das Intime
Sonntag, 20. Dezember 2009 von Ronald.
Das Intime zwischen Menschen ist Nachsicht, Duldung, Zuflucht für Eigenheiten.
(aus Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben)
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